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Explosive Waffen in Wohngebieten töten und verstümmeln die Zivilbevölkerung

Minen, Streubomben und andere Waffen Nothilfe
Syrien

Interview mit Mélanie Broquet: Handicap International arbeitet seit 2011 mit Menschen aus Syrien: im Irak, Libanon, Jordanien und Syrien. Im Laufe der Jahre hat der Konflikt unvorstellbare Maße an Brutalität erreicht. Im Zentrum der Gewaltspirale steht die Verwendung von explosiven Waffen in bewohnten Gebieten und deren verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung. Mélanie Broquet, Projektmanagerin für Monitoring und Koordination, gibt Auskunft.

© Ph. Houliat / Handicap International

Wie ist die humanitäre Situation in Syrien nach sechs Jahren Krieg?

Die Lage in Syrien ist katastrophal. Der Konflikt ist in den letzten Jahren mit der steigenden Anzahl an beteiligten Parteien noch intensiver geworden. Und der Einsatz von explosiven Waffen in bewohnten Gebieten ist systematisch und weit verbreitet, was zu einem exponentiellen Anstieg der Opferzahlen geführt hat. Seit dem Anfang des Konflikts 2011 sind fast 300.000 Menschen umgebracht worden; bald wird die Anzahl der verletzten Menschen eine Million erreichen. Dazu kommen noch die über 11 Millionen Menschen, die über sehr komplexe Routen in andere Teile von Syrien oder in die Nachbarländer geflohen sind – diese Zahlen zeigen, wie düster das Bild der humanitären Situation infolge des Konflikts aussieht.

 

Der Einsatz von explosiven Waffen ist eines der größten Probleme in diesem Konflikt. Welche Wirkung hat das auf die zivile Bevölkerung?

Die Wirkung ist katastrophal: 90 Prozent der Opfer von explosiven Waffen kommen aus der Zivilbevölkerung. Wenn diese Waffen in Wohngebieten eingesetzt werden, verursachen sie Tote und ernsthafte Schäden und Verletzung wie beispielweise Verbrennungen, offene Wunden, Brüche etc. Auch verursachen sie Behinderungen und psychische Traumata. Doch das ist noch nicht genug: Die Verwendung von explosiven Waffen in bewohnten Gegenden führt zur Vertreibung zigtausender Menschen und zerstört lebenswichtige Infrastrukturen, wie etwa Wohngebäude, Schulen und Krankenhäuser. Hinzu kommt, dass während der Bombenangriffe ein bestimmter Anteil der Munitionen nicht beim Aufprall explodiert. So werden diese scharfen Munitionen noch lange, nachdem der Konflikt beendet ist, eine Bedrohung für die zivile Bevölkerung darbieten. So wird es für die Menschen sehr viel schwieriger, nach den Angriffen wieder in ihre Häuser zurückzukehren.

 

Verurteilt Handicap International als Organisation, die sich gegen Anti-Personen-Minen und Streubomben einsetzt, diese Praxis?

Ja! Das ist auch der Fokus der aktuellen Kampagne von Handicap International. Wir führen eine internationale Kampagne gegen den Einsatz von explosiven Waffen in bewohnten Gebieten an – denn diese werden in einer Reihe aktueller Konflikte verwendet, zum Beispiel im Irak und Jemen. Wir arbeiten derzeit gemeinsam mit anderen Nicht-Regierungs-Organisationen und einer Gruppe von Staaten an dem Entwurf einer politischen Erklärung, die darauf abzielt, diese Praxis zu beenden. Wir fordern alle Staaten dazu auf, sich an diesem Prozess zu beteiligen und die Erklärung zu unterzeichnen, was hoffentlich bis Ende 2018 vollendet sein wird.

 

Können Sie das in Bezug auf explosive Kriegsreste erklären?

Nach Bombenangriffen, die etwa in Syrien extrem intensiv sind, bleiben die getroffenen Gebiete als schwer mit nicht-explodierten Sprengkörpern verseuchte Gebiete zurück. Diese Verseuchung bedeutet eine Gefahr für die Zivilbevölkerung, selbst noch Jahre später: die explosiven Kriegsreste sind besonders gefährlich für Vertriebene, die in einer Umgebung leben, mit der sie nicht vertraut sind (ein unbekanntes Dorf, Wohngegend etc.), und für Familien, die versuchen, während einer Angriffspause zu ihren Häusern zu gelangen, um Sachen zu holen, sowie für Leute, die in ihre Häuser zurückkehren. Diese Menschen führen oft ihre eigenen überlebensnotwendigen Räumungsarbeiten durch, indem sie diese explosiven Kriegsreste selbst wegräumen. Doch dies ist extrem gefährlich, da diese Sprengkörper sehr instabil sind und ihre Inhaltsstoffe stark variieren.

Gemeinsam mit unseren lokalen Partnern führen wir in zahlreichen Wohngebieten und Dörfern in Syrien die Aufklärung über diese Risiken durch. In unseren Sensibilisierungsveranstaltungen lernen die Leute, richtig zu reagieren. Seit Januar 2013 haben wir bereits 300.000 Menschen über die Gefahren von explosiven Kriegsresten aufgeklärt.

 

Handicap International ist auch für seine Expertise in orthopädischen Hilfsmitteln und Rehabilitation bekannt. Wie hoch ist der Bedarf in diesem Bereich?

Der Bedarf ist enorm. Sechs Jahre nach Beginn des Konflikts befinden wir uns immer noch in der Nothilfephase, was bedeutet, dass wir im Einsatz sind, um Leben zu retten. Dieser unsagbar brutale Krieg hat sowohl psychische als auch körperliche Traumata verursacht: mehr als eine Millionen Menschen sind verletzt und die Anzahl der amputierten Menschen, die orthopädische Prothesen und Rehabilitationsmaßnahmen brauchen, geht in die Zehntausend hinein.

 

Diese Bedarfe sind umso größer, weil die Gesundheitseinrichtungen in manchen Gegenden des Landes vollständig zerstört wurden und die Verletzten daher erst sehr spät versorgt werden. Wird jemand, der Rehabilitation braucht, nicht sofort behandelt, so können sich die Verletzungen schnell verschlimmern. Die Nachwirkungen können zu bleibenden Behinderungen führen.

 

Die Nachwirkungen sind auch psychisch…

Ja genau, und dieser Aspekt muss unbedingt beachtet werden. Die Gewalt des Konflikts, insbesondere die Bombardierungen, verursachen unterschiedliche Arten von Traumata. Die Symptome reichen unter anderem von Verwirrung, Angst und Stummheit bis hin zur Depression. Diese erfordern eine angemessene, langfristige Unterstützung. Wir sind bestrebt, diese durch eine Reihe von Mitteln zur psychologischen Unterstützung anzubieten: Gesprächsgruppen, individuelle Betreuung oder Überweisung an relevante Spezialeinrichtungen. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass eine ganze Generation von Syrerinnen und Syrern durch diesen Krieg und seine beispiellose Gewalt traumatisiert worden sind.

 

Können humanitäre Organisationen normal in Syrien arbeiten?

Nein. Die Leistung von humanitärer Hilfe wird in Syrien regelmäßig behindert. In den Gegenden, die unter Beschuss stehen, haben Frauen, Kinder und ältere Menschen keinerlei Zugang zu der Hilfe, die sie benötigen. Die humanitären Organisationen müssen in der Lage sein, aktiv Hilfe zu leisten für die Zivilbevölkerung, die nicht aus den Kampfgebieten fliehen kann und die unter höchst bedenklichen Verhältnissen lebt: ohne Zugang zu grundlegender Versorgung, da diese größtenteils zerstört wurde. Das humanitäre Völkerrecht schreibt vor, dass Zivilisten in Konflikten geschützt sein müssen. Was in Syrien geschieht, ist absolut inakzeptabel.

Damit solche Szenen in Zukunft der Vergangenheit angehören:

Jetzt Petition "Keine Bomben auf Wohngebiete" unterzeichnen

2 März 2017
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Martina Vohankova stammt aus Tschechien und arbeitet bei Handicap International Syrien als Projektmanagerin für Gesundheit und Minenaktion. Angefangen in 2012 arbeitete sie erst für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe in Uganda, Kambodscha und im Südsudan. In den vergangenen zwei Jahren war Martina im Nahen Osten tätig, zunächst im Irak. Seit Mai 2016 wirkt sie bei Handicap International im Syrien-Krisen-Programm mit. Hier erzählt sie uns von ihrer Arbeit.