Co-Preisträger Friedensnobelpreis

„Meine Mutter räumt Minen“

Die Angst ist immer dabei, erzählt Liby Lenis Diaz: Seit sie denken kann, hat sie Angst, da in ihrer Gegend im Süden der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá seit Jahrzehnten unzählige Minen liegen. Sie hat Angst, dass ihren Kindern etwas passiert. Und sie hat Angst, dass ihr selber etwas zustößt. Doch wenn sie auf den Knien Meter für Meter über den Boden rutscht und nach Minen sucht, dann ist sie ganz ruhig und konzentriert. Jeden Tag kämpft sie als Entminerin dafür, dass ihre Heimat ein bisschen sicherer wird.

Liby Karina steht in ihrer Schutzausrüstung auf einem Feld, dass geräumt werden soll.

Liby in ihrer Schutzausrüstung | © HI

„Ich helfe dabei, dass die Menschen hier in der Gegend ohne Furcht leben können und dass sie auf ihre Felder zurückkehren können. Solange nicht geräumt ist und das Gebiet für sicher erklärt wird, kann keiner da hin“, erzählt Liby mit ruhiger Stimme. „Ich möchte, dass meine Kinder ein besseres Leben haben“, fügt sie hinzu und sagt, dass ihre Kinder wahnsinnig stolz auf sie seien. „Sie erzählen: Meine Mutter räumt Minen! Aber sie haben auch Angst, dass ich nicht zurückkomme.“ 

Bewaffnete Banden sind weiter aktiv

Liby Lenis ist 29 Jahre alt und räumt seit drei Jahren genau in der Gegend Minen, in der sie selber aufgewachsen ist. Als sie 15 Jahre alt war, hatten ihre Eltern Angst, dass bewaffnete Gruppen sie und ihren Bruder mitnehmen und zwangsrekrutieren würden. Sie mussten den kleinen Hof überstürzt verlassen und flohen in die nächste Kleinstadt, nach Vista Hermosa. „Es gibt Gegenden, da können die Spezialisten von HI bis heute nicht hin, um überhaupt erst einmal Informationen über Minen und Blindgänger zu sammeln. Das ist zu gefährlich.“ Und dann fügt sie an: „Wir haben uns daran gewöhnt – wir kennen es nicht anders – aber natürlich belastet es uns alle.“

© J.M. Vargas I HI

 Ein Gruppe von Entminern in Kolumbien.

Die Kinder kennen das seit Geburt

Rund um Vista Hermosa sind noch viele verminte Gebiete. Bisher wurden 54.000 m² geräumt und über 50 Minen gefunden. 38.000 m² fehlen noch. Doch die Menschen wissen, wo sie laufen dürfen, welche Wege als sicher gelten. Den Kindern wird das von Anfang an beigebracht. „Wir erzählen den Kindern immer und immer wieder, dass sie vorsichtig sein müssen, dass sie nicht einfach irgendwohin gehen dürfen. Wir sagen ihnen, dass sie nie etwas aufheben dürfen. Die kennen das seit Geburt“, berichtet Liby. Noch heute sind 30 von 32 Regionen in Kolumbien vermint. Nach Afghanistan ist das südamerikanische Land das am zweitstärksten verminte Land der Erde.

Eine Arbeit auch für Frauen

Im Vista Hermosa arbeiten allein elf Frauen als Entminerinnen. Sechs Wochen wohnen sie und die Kollegen in Zelten in der Nähe des verminten Gebiets. Danach haben sie zwei Wochen frei. Morgens marschieren sie ca. eine Stunde durch das Gelände bis zu den abgesteckten Flächen. Liby lächelt stolz: „Es ist eine Arbeit, die nicht nur Männer machen können. Wir Frauen sind ordentlich, genauer und vorsichtiger. Wir wollen auch, dass andere Frauen sehen, dass man diese Arbeit machen kann – als Frau! Wir glauben an uns selber! Wir können das! Wir leben in einer Welt, wo Frauen als schwach angesehen werden und als Hausfrauen leben sollen. Wir aber zeigen den Männern und dem ganzen Dorf und der ganzen Welt, dass wir das können! Wir sind Kämpferinnen und unsere Kollegen sind stolz auf uns Frauen.“ 
 

©HI

Liby bei ihrer Arbeit als Entminerin

„Dafür kämpfe ich jeden Tag“

„Die Menschen hier haben großen Respekt vor den Entminerinnen und Entminern“, erzählt die alleinerziehende Mutter von Jorge und Carol – die Großmutter kümmert sich um die beiden, wenn sie im Einsatz ist. „Während der Arbeit habe ich keine Angst, aber wir sind immer sehr angespannt. Wir wissen nie, ob etwas passiert. Ich weiß nie, ob ich mein Leben verliere“, erklärt sie und fügt an wie mühsam die Arbeit sei, wie heiß unter der Schutzausrüstung und wie anstrengend, sich hundertprozentig konzentrieren zu müssen – immer! Aber sie habe sich damals bei HI beworben und sei glücklich, die Arbeit bekommen zu haben. „Ich bin eine Kämpferin. Das Leben lehrt uns, dass wir trotz so viel Leid, Positives sehen müssen. Meine Kinder sollen das nicht erleben, wie ich als Kind gelebt habe. Sie sollen es besser haben. Dafür kämpfe ich jeden Tag.“

Hilfe für die Opfer

Seit 2017 hat HI mehr als 600.000 Quadratmeter Land in drei Regionen geräumt. In letzter Zeit tauchen neue illegale Gruppen auf, die Sprengsätze anbringen, um die Koka-Ernte zu schützen und Rivalen abzuschrecken. HI wird trotzdem die Arbeit fortsetzen. Die Teams unterstützen auch weiterhin Minenopfer mit Behinderungen. Diese Unterstützung umfasst Rehabilitationsmaßnahmen, psychosoziale Betreuung, Jobvermittlung und Hilfe bei rechtlichen Fragen. Fast die Hälfte der Opfer stammt aus der Zivilbevölkerung. Diese lebt oft in abgelegenen Gebieten ohne direkten Zugang zu Gesundheitsversorgung oder Reha-Maßnahmen. Tod, Verletzungen, langfristige Behinderungen und psychische Traumata sind die schwerwiegenden Folgen für die Opfer der Konflikte.