Co-Preisträger Friedensnobelpreis

„Ich will meinen kleinen Bruder nicht allein lassen“

Rehabilitation und Orthopädie
Thailand

Der zwölfjährige Saw widmet seine Kindheit seinem kleinen Bruder Kyan. Der hat eine Behinderung und ist auf die Hilfe seines großen Bruders angewiesen. Für Saw bleibt da kaum Zeit zu spielen. Und für Kyan sind die Bedingungen im thailändischen Flüchtlingslager besonders schwierig. Zum Glück haben die beiden einander.

Saw trägt seinen kleinen Bruder huckepack durch das steinige Flüchtlingslager

Saw und sein "Bruder" sind unzertrennlich. Doch es ist schwierig, das Haus zu verlassen. Die Wege im Camp von Mae La sind oft unpassierbar. | © Kan/ Handicap International

Zweimal pro Woche bringt Saw (12 Jahre alt) seinen kleinen Bruder Kyan (4) zum Rehabilitationszentrum von Handicap International. Das bedeutet für ihn einen fünfzehnminütigen Fußweg durch das Flüchtlingslager, entlang steiler und oft unpassierbarer Wege, während er das schwere Gewicht seines Bruders auf dem Rücken trägt. Doch Saw macht hartnäckig weiter, weil die Rehabilitationsübungen sehr wichtig für seinen Bruder sind. Und sie sind für die beiden die schönsten Momente der Woche.

Wenn der kleine Bruder, der unter zerebraler Kinderlähmung leidet, seine Übungen macht, findet Saw endlich einmal die Gelegenheit, zu spielen und selbst ein Kind zu sein. Er entdeckt Tonerde und Puzzles, spielt mit Bällen und ist mit anderen Kindern zusammen. Die Spiele sind eigentlich für Kinder mit Behinderung und ihre Rehabilitationsübungen gedacht, doch die Mitarbeitenden lassen auch gerne Saw damit spielen. Schließlich muss Saw, nachdem Kyan seine Übungen beendet hat, wieder in seine Rolle als Erwachsener schlüpfen, in der es für ihn keine Chance zu spielen gibt.

 

Die Schule aufgegeben

Letztes Jahr hat Saw die Schule aufgegeben. „Ich wollte mich um meinen kleinen Bruder kümmern“, erklärt er. Er nennt Kyan seinen Bruder, doch eigentlich ist der sein Neffe. Als Kyan geboren wurde, lief sein Vater davon und kam nie zurück. Er wollte sich nicht mit der Behinderung seines Sohnes auseinandersetzen. Letztes Jahr floh dann auch die Mutter auf der Suche nach Arbeit nach Bangkok. Ein gefährliches Unterfangen, denn die Karen-Flüchtlinge haben keine Arbeitserlaubnis in Thailand – wenn sie erwischt werden, können sie im Gefängnis landen.

Sie ließ also ihren behinderten Sohn bei ihren Eltern, die ebenfalls im Camp leben. Doch diese sind alt und es ist zu schwer für sie, sich um das Kind zu kümmern. Ihr jüngster Sohn, Saw, konnte die Situation nicht ertragen und beschloss kurzerhand, selbst auf den Jungen aufzupassen.

 


Unzertrennlich

Gewissenhaft hilft Saw Kyan bei seinen täglichen physiotherapeutischen Übungen. Er massiert seine Muskeln, hilft ihm, mit der Gehstütze ums Haus zu laufen, und bewegt seine Arme und Beine, damit sie nicht steif werden. „Es ist allein Saw zu verdanken, dass die Folgen von Kyans Kinderlähmung nicht noch schlimmer geworden sind“, sagt Kan, Physiotherapeut von Handicap International. „Das Kind kann aufrecht sitzen und sich selbst hochziehen. Das ist ganz schön beeindruckend!“

Die beiden Jungs sind unzertrennlich. Sie lassen sich gegenseitig niemals aus den Augen. Saw kann Kyans Körpersprache lesen und weiß genau, wann er hungrig oder durstig ist.

„Was Saw für seinen Bruder tut, ist bewundernswert. Aber gleichzeitig auch besorgniserregend, weil Saw dadurch selbst seine eigene Kindheit aufgibt. Er spielt nie mit Kindern in seinem Alter." Kan, Physiotherapeut

„Es ist schwer für mich, ihn allein zu lassen“, sagt Saw. „Kyan kann ganz unruhig werden, wenn er mich nicht sieht. Ich würde ihn gerne mit zum Fußballfeld nehmen, doch das ist zu gefährlich.“ Er zeigt auf den steinigen, steilen Weg vor dem Haus. „Die Wege im Camp sind voller wackliger Steine, da sind Löcher und steile Hänge. Wenn es regnet, verwandelt sich das Camp in einen rutschigen Hindernisparcours. Ich habe zu viel Angst, mit Kyan auf meinem Rücken herumzulaufen. Dieses Risiko nehme ich nur auf mich, wenn ich ins Rehabilitationszentrum gehe. Und leider gibt es im ganzen Camp keinen anderen Ort, an dem Kyan gut spielen könnte.“

Obwohl er selbst noch ein Kind ist, spricht Saw wie ein Erwachsener. Er ist eindeutig ein kluges Kind. „Doch die Tatsache, dass er nicht zur Schule geht, ist ein großes Problem“, betont Kann. Saw ist sich dessen bewusst. „Ich werde wieder in die Klasse zurückgehen, sobald Kyans Mutter wieder aus Bangkok zurück ist“, sagt er. Doch niemand weiß, wann das sein wird…

14 November 2016
Weltweites Engagement:
Helfen
Sie mit

Lesen sie weiter

Angriff auf spielende Kinder
© ISNA Agency / HI
Rehabilitation und Orthopädie

Angriff auf spielende Kinder

Abdullah aus dem Jemen spielte gerade draußen mit seinen Freunden, als im Dezember 2019 sein Dorf aus der Luft angegriffen wurde. Der damals 10-Jährige wurde schwer verletzt, sein rechtes Bein musste amputiert werden.

Laufen lernen mit Luftballons
© ISNA Agency / HI
Rehabilitation und Orthopädie

Laufen lernen mit Luftballons

Die vierjährige Hala aus dem Jemen hat nur noch ein Bein. Sie ist eines der jüngsten Opfer der Bombardierungen, die ihr Land verwüsteten. Das Mädchen spielte mit ihrer Cousine vor dem Haus, als ein Flugzeug eine Granate auf ihr Viertel abwarf.

Blindgänger zerriss Salams Leben
© S.Khlaifat / HI
Minen und andere Waffen Rehabilitation und Orthopädie

Blindgänger zerriss Salams Leben

Salam pflückte 2015 mit ihrer Familie Oliven auf einem Feld in der Nähe ihres Dorfes in Syrien. Sie fand ein seltsames Stück Metall, eine kleine Bombe. Sie war gerade mal 5 Jahre alt. Die Explosion tötete ihren kleinen Bruder und riss ihr das linke Bein ab. Sprengfallen, improvisierte Landminen und explosive Überreste liegen in Syrien in vielen Städten, Feldern und Häusern. Kinder sind besonders gefährdet.