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Co-Preisträger Friedensnobelpreis 1997

 

Interview mit Olivier Champagne: "Die chinesischen Patienten sind so dankbar"

Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie
China

Olivier Champagne ist am 22. Juni 2008 in China gelandet, sechs Wochen, nachdem die Erde bebte. Als Physiotherapeut hat er Schulungen für die Mitarbeiter vor Ort erteilt und zwei Wochen lang Patienten in zwei der größten Krankenhäuser von Chengdu betreut. Eine erste Mission für Handicap International, aber für Olivier vor allem ein humanitäres Abenteuer, das für ihn nicht erfüllender sein könnte.

Olivier Champagne bei einer lachenden Patientin in einem Nothilfezelt in Haiti.

Haiti: Olivier Champagne bei unserer Patientin Yolande in einem Nothilfezelt | © William Daniels / Handicap International

Wie sind Sie nach China gekommen?

Ich wollte schon lange mit Handicap International zusammenarbeiten, aber ich konnte keinen Vertrag mit einer Mindestdauer von sechs Monaten annehmen. Vor kurzem hat mir ein Kollege und Freund von kurzzeitigen Einsätzen berichtet. Da habe ich mich beworben. Am nächsten Tag bekam ich einen Anruf und man fragte mich, ob ich nicht im Tschad arbeiten wolle. Letztendlich bin ich dann aber in China gelandet für meinen ersten Einsatz.

Wie war Ihre Vorgehensweise vor Ort?

Bei meiner Ankunft in Chengdu hat mich ein Kollege in das Projekt und seinen Kontext eingeführt. Schon am nächsten Tag war ich verantwortlich für das Projekt und voll und ganz einsatzfähig. Ich habe die Patienten an ihren Betten besucht. Jedoch habe ich schnell feststellen müssen, dass ich nicht alle Patienten sehen konnte. Ich war bei den Behandlungen anwesend und habe selbst mitbehandelt. Ab der zweiten Woche habe ich den Physiotherapeuten, Krankenschwestern und Chirurgen Schulungen darüber gegeben, wie sie die Patienten mit Behinderung behandeln müssen. Diese Schulungen setzten sich immer aus Theorie und Praxis zusammen. 

Ist die Physiotherapie in China anders als die, die Sie anwenden?

Ich habe gemerkt, dass dies für die Chinesen ein relativ neuer Bereich ist. In der prakischen Arbeit sind sie aber sehr aufgeschlossen für neue Erfahrungen. Ihre eigene Arbeitsweise bewegt sich zwischen der traditionellen chinesischen und der westlichen Medizin. In den Krankenhäusern gibt es nur wenige Physiotherapeuten. Aus dem Mangel an Personal resultiert ein nur beschränkter Zugang zu Behandlungen. Doch man muss auch berücksichtigen, dass auch wir in unserer Heimat mit 370.000 Verwundeten überfordert wären. Auf unseren Maßstab umgerechnet müsste man sich vorstellen, dass dieses Erdbeben die Hälfte der Bevölkerung Belgiens obdachlos gemacht hätte.

Wie wurden Sie in China empfangen?

Die Physiotherapeuten und die Krankenpfleger haben mich nach Informationen und Übungen gefragt, sie haben sich überhaupt nicht geschämt. „Sie können es, also bringen Sie es uns bei!“, haben sie gesagt. Auch ansonsten war der Empfang außergewöhnlich gut. Die Patienten haben sich bei mir bedankt und waren wirklich glücklich über ihre Behandlung. Trotz allem, was sie durchgemacht haben, habe ich niemals gehört, dass sich jemand von ihnen beschwert hätte.

Welche Krankheitsbilder haben Sie vorgefunden? 

Hauptsächlich Frakturen, Schädeltraumata, Verletzungen des Rückenmarks und Amputationen mit den damit verbundenen Atemproblemen und Infektionen. In den Trümmern eingeklemmte Menschen mussten vor Ort amputiert werden, um befreit werden zu können. Die hygienischen Bedingungen sind verheerend und dadurch bilden sich Infektionen. Die Verletzten wurden oft erst in kleinere Krankenhäuser gebracht, bevor sie in die großen Kliniken eingewiesen wurden, die besser ausgestattet sind.

Was nehmen Sie von dieser Mission mit nach Hause?

Ich habe das Projekt von Handicap International sehr zu schätzen gelernt, weil es sich nicht um eine rein institutionelle Geschichte mit viel Bürokratie handelt. Jetzt, wo meine Praxis eingerichtet ist, kann ich mir öfter erlauben, mir Zeit für solche Einsätze zu nehmen. Das Beste an Notfalleinsätzen ist, dass man selbst ganz konkret spüren kann, wie viel man den Menschen vor Ort hilft.

Wie haben Sie sich dort eingelebt?

Ich hatte vorher eine kleine Schulung. Ein Freund, dessen Tochter ins Ausland gegangen ist, hatte mir gesagt, dass es viel Zeit in Anspruch nimmt, sich an die Gegebenheiten anzupassen und damit gut arbeiten zu können. An meinem zweiten Tag in Chengdu war ich jedoch bereits auf der Arbeit und leistungsfähig. Was ich sehr geschätzt habe, war das unmittelbare Vertrauen, das man mir entgegengebracht hat. Man hat einfach von mir erwartet, meine Erfahrungen weiterzugeben, um das Projekt voranzubringen. Es macht Spaß, so zu arbeiten. Als Selbstständiger bin ich es gewohnt, die Dinge in die Hand zu nehmen.

Und wie war Ihre Rückkehr?

Sie war hart, aber die Leute hier haben auch ihre "Wehwehchen" und leiden, das macht auch ihnen sehr zu schaffen. Der große Unterschied ist der Grad an Erwartungen der Bevölkerung. Die Chinesen bekommen viel weniger Behandlungen und zeigen sich dankbarer. Wir haben das Glück, in einem leistungsfähigen Gesundheitssystem zu leben, aber wir vergessen dies sehr oft. Es wäre manchmal vielleicht gut für die Patienten zu sehen, wie es sich anderswo abspielt. Auf jeden Fall habe ich ein schönes humanitäres Abenteuer erleben dürfen und bin jederzeit bereit, es wieder zu tun!

Macht denn die Anwesenheit von Handicap International vor Ort noch Sinn?

Angesichts der Anzahl von Patienten, die Verletzungen haben und Langzeitbehandlung benötigen werden, wäre es sinnvoll, dass die Teams von Handicap International noch länger bleiben, um "den Motor zu ölen". Die Aufgabe ist sehr groß. Was geschieht zum Beispiel in den ländlichen Krankenhäusern? Ich hoffe, dass die chinesischen Verantwortungsträger eine Lösung finden.

13 November 2008
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