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Rosette aus Ruanda: "Ich bin stolz auf mich, denn ich war mutig"

Nothilfe Vorsorge und Gesundheit
Ruanda


Die 29-jährige Rosette wohnt alleine mit ihren drei Töchtern. 1994 verlor sie mehrere Mitglieder ihrer Familie durch den Völkermord an den Tutsi. Sie erzählt, wie sie mit der Hilfe von Handicap International die Kontrolle über ihr Leben zurückgewonnen hat.

Eine Frau steht vor einem Steinhaus. Sie blickt lächelnd in die Kamera.

Nachdem sie sich jahrelang nur mit Mühe über Wasser gehalten hat, gewinnt Rosette die Kontrolle über ihr Leben zurück. | © Sophie Mazoyer / Handicap International

Ich wurde im Bezirk Rusizi im Westen Ruandas nahe der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo geboren. Zu Beginn des Völkermords war ich neun Jahre alt. Ich bin die Älteste von fünf Kindern und war damals in der zweiten Klasse der Grundschule. Ich wusste nichts über ethnische Gruppen – ich wusste nicht einmal, dass ich einer angehörte. Niemand sprach je über solche Dinge.

Ich erinnere mich, dass meine Eltern von Leuten davonrannten, die sie mit Macheten verfolgten und versuchten, sie zu erschießen. Da verstand ich das alles zum ersten Mal. Meine Eltern waren Bauern: sie bauten Bohnen, Bananen, Süßkartoffeln, Yamwurzeln und vieles mehr an. Als  ich mich im April 1994 mit meinen Cousins in einem Feld versteckte, sahen wir plötzlich eine Schlange. Wir hatten solche Angst, dass wir uns bewegten und uns die Milizen entdeckten. Sie näherten sich uns und töteten alle außer mich. Ich konnte gerade noch fliehen. Ich kann die Machete, die mich verfehlt hat, immer noch vor meinem geistigen Auge sehen.

Als ich erfuhr, dass mein Vater tot war, floh ich mit meiner Mutter, die damals mit ihrem letzten Kind schwanger war, zur Familie meiner Mutter. Bis auf meine Mutter und meine Brüder wurden alle Mitglieder meiner Großfamilie umgebracht. Nach Ende des Völkermords wurden die Mörder ins Gefängnis gesteckt. Sie haben ihre Strafe abgesessen und einige von ihnen gestanden ihre Schuld ein.

Nach dem Genozid half mir der staatliche Hilfsfond für die Überlebenden des Genozids (FARG), mein Studium zu finanzieren. Ich blieb bis zur vierten Klasse und verließ dann die Schule.
In Ruanda übernimmt das älteste Kind die Rolle des Vaters, wenn dieser verstirbt. Ich musste also Arbeit finden, um für meine Familie zu sorgen. Ich arbeitete als Reinigungskraft und auf den Feldern.

Ich dachte, dass ich keine Zukunft hätte

2000 kehrte ich nach Kigali, der Hauptstadt Ruandas, zurück und arbeitete zwei Jahre lang für eine Hutu-Familie, die aus derselben Region wie meine Mutter stammte. Ich verdiente 1500 Ruanda-Francs (ungefähr 1,50 €) im Monat. Wegen meiner ethnischen Herkunft hat mich die Familie sehr schlecht behandelt. Ich traf einen jungen Mann, einen Hutu, und lebte eineinhalb Jahre bei ihm. Er verließ mich vor der Geburt meines ersten Kindes.

2004 war ich schwanger und hatte kein Dach über dem Kopf. Ich schlief draußen in den Sorghumhirsefeldern oder auf den Bananenplantagen, weil ich Angst hatte, dass die Milizen zurückkommen würden, um mich umzubringen. Ortsansässige gaben mir Essen und Geld, weil es Teil der ruandischen Kultur ist, Leuten in Not zu helfen. Und ich schlug mich mit Gelegenheitsarbeiten durch, um ein bisschen Geld zu verdienen. Mit diesem Geld mietete ich ein Haus. Dort wurde auch mein ältestes Kind geboren.

Als mein Baby zwei Monate alt war, fing ich an, in eine Kabarett-Bar zu gehen. Ich trank und schlief mit Männern, die mir Geld dafür gaben. Das machte ich eine Weile und als mein ältestes Kind vier Jahre alt war, lernte ich einen Mann aus Uganda kennen und lebte drei Jahre lang bei ihm. Er drohte mir jedoch, dass er mich verlassen würde, weil ich aggressiv und streitlustig wäre. Als ich wieder schwanger wurde, verließ er mich. Damals dachte ich, dass ich keine Zukunft hätte. Ich trank, um meine Situation zu vergessen und um einzuschlafen. Und ich schlug mein ältestes Kind. Ich liebte sie nicht. Ich wollte sterben, doch der Tod kam einfach nicht. Es war eine schwere, aber wenigstens gewaltfreie Zeit. Ich wollte keine Menschen um mich haben.

Es war, als wären alle meine Wunden fortgespült worden

2008 suchte mich Handicap International auf. Deren Mitarbeiter sprachen mit mir über psychische Krankheiten und halfen mir, das Erlebte zu verstehen. Sie informierten mich über meine Rechte und halfen mir, Arbeit zu finden. Anstatt meinen Körper zu verkaufen, entschied ich mich dafür, Pflanzen anzubauen, um meine Kinder zu ernähren.

Nach und nach erlangte ich mein Selbstbewusstsein zurück. Es war, als wäre ich im Jordan getrieben und hätte alle meine Wunden fortgespült. Schritt für Schritt begann ich wieder zu leben und akzeptierte endlich, was passiert war – und den Tod meines Vaters.
Ich habe jetzt ein gutes Leben. Ich baue Pflanzen auf einem Stückchen Land an, das die ruandische Regierung Frauen, die vom Genozid betroffen sind, zur Verfügung stellt. Ich kann diese Arbeit zusammen mit meinen anderen Tätigkeiten ausführen, weil ich von Handicap International geschult wurde.

Ich habe jetzt die Möglichkeit, bei meinen Nachbarn und meiner Gemeinschaft Bewusstsein für sexuelle Gewalt und geschlechtsspezifische Gewalt zu schaffen, um diese Probleme zu verhindern. Und ich bin Vorsitzende einer kooperativen Partnerschaft.
Dank der Diskussionsgruppen, die von Handicap International organisiert werden, konnte ich eine Lösung für mein Wohnungsproblem finden. Die anderen Mitglieder der Gruppe haben Geld in eine gemeinsame Kasse gesteckt, sodass ich nach einem neuen Haus suchen konnte, da meines in einem sehr schlechten Zustand war.
Ich war mutig und bin deswegen stolz auf mich. Ich weiß, dass ich eines Tages mein eigenes Stück Land kaufen kann, auf dem ich Pflanzen anbauen kann.

Helfen Sie Rosette, mit Ihrer Spende, Ihre Träume zu verwirklichen.

17 April 2014
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Martina Vohankova stammt aus Tschechien und arbeitet bei Handicap International Syrien als Projektmanagerin für Gesundheit und Minenaktion. Angefangen in 2012 arbeitete sie erst für Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe in Uganda, Kambodscha und im Südsudan. In den vergangenen zwei Jahren war Martina im Nahen Osten tätig, zunächst im Irak. Seit Mai 2016 wirkt sie bei Handicap International im Syrien-Krisen-Programm mit. Hier erzählt sie uns von ihrer Arbeit.