Gehe zum Hauptinhalt

Co-Preisträger Friedensnobelpreis 1997

Saras Geschichte: Landminen überall

Sara, 35 Jahre alt, kommt aus N., einer Stadt in der Nähe von Daraa. Von 2012 bis 2015 durchlief ihre Familie in Syrien eine Odyssee. Zu Fuß mussten sie von einem Ort zum nächsten fliehen – immer auf der Suche nach Sicherheit.

Sara ist zu Fuß aus Syrien geflüchtet.

Sara ist mit ihrer Familie zu Fuß aus Syrien geflüchtet. | © Benoit Almeras / Handicap International

Vor dem Krieg hatten wir unser eigenes Haus und ein Auto. Wir lebten mit unseren sechs Kindern glücklich zusammen.

Der Staub der Explosionen

In unserem Heimatort wurde sehr viel bombardiert und geschossen. Daher zogen wir in eine andere Gegend um. Wieder und wieder. Aber jedes Mal, wenn wir irgendwo ankamen, hatten wir das Gefühl, dass überall Bomben fielen.

Unsere Flucht begann im Juli 2012, während des Ramadan. Die Bombenangriffe eskalierten. Unser Haus war zerstört. Wir hatten alles verloren. Wir hatten keine Zeit uns vorzubereiten, daher konnten wir nichts retten. Als wir losrannten, lag unser Ort noch im Staub der Explosionen, wir konnten kaum etwas sehen, nur dass alles zerstört war.

Ich wurde verletzt, als unser Haus bombardiert wurde. Mein Fuß war geschwollen und ich hatte offene Wunden am Bein. Ich hatte nicht einmal Zeit, mir Schuhe anzuziehen. Also lief ich am ersten Tag acht Stunden lang barfuß. Ohne Pause. Wir machten aus einem Stück Holz, das wir am Wegesrand fanden, einen Wanderstock. Als es mir zu schwer fiel, trug mich mein Mann. Hin und wieder versuchte er, die Wunde zu desinfizieren. Aber wir hatten nur Wasser und Salz. Die Infektion verschlimmerte sich auf dem Weg. Jetzt kann ich kaum noch gehen. Wir marschierten 45 Kilometer bis wir unser erstes Ziel erreichten.

Seit wir losgezogen sind, hat sich unser Leben sehr verändert. Wir konnten nicht immer etwas zu essen oder Wasser finden. Tagelang haben wir überhaupt nichts gegessen.

Drei Jahre auf der Straße

Wir benutzten keine Autos zur Flucht. Autos waren oft das Ziel von Bombenangriffen und Beschuss, das war zu gefährlich. Also gingen wir zu Fuß. Wir mieden Häuser und Gebäude, liefen quer über Felder, durch Obstplantagen und Wälder. Die Bäume waren unser bester Schutz. Wir liefen von Baum zu Baum, um uns zu schützen. Wir mieden die Straßen, denn die waren am gefährlichsten. Immer wieder trafen Bomben und Geschosse auf die Straße. Natürlich mussten wir große Umwege machen, um Soldaten und Kontrollposten zu umgehen. Wir hielten uns auch so weit wie möglich von Armeekasernen und allem Militärischen fern. Aber selbst das brachte uns nicht außer Gefahr.

Immer wenn wir Flugzeuge oder Bomben sahen, legten wir uns auf den Boden, versteckten uns unter Bäumen, in Büschen, in Gräben. Jede natürliche Vertiefung im Boden, in die wir uns hineinlegen konnten, diente unserem Zweck. Dann warteten wir, dass die Bombardierung nachließ. Wenn wir dachten, es sei wieder ruhig, setzten wir unseren Marsch fort.

Nachts zu laufen erschien uns sicherer, daher marschierten wir manchmal die ganze Nacht durch. Wir zogen es vor, im Freien zu schlafen, auf dem nackten Boden, im Gebüsch oder unter Bäumen. Das alles ohne Decken, denn wir hatten keine dabei. Die vielen Häuser, Lagerschuppen oder Bauernhäuser schienen uns keine Schutzräume zu sein, sondern eher Ziele für Bomben.

Verzweifelte Suche nach Sicherheit

Wir waren Hunderte von Menschen. Einige waren mit uns zusammen losgelaufen. Andere kamen unterwegs hinzu, weil ihr Haus zerstört worden war oder sie sich ebenfalls vor den Bomben fürchteten. Oder einfach weil es sicherer schien, zusammen zu bleiben. Niemand von uns wusste, wohin wir gingen. Wir rannten stets vor der Zerstörung und der Gefahr davon, in der Hoffnung, einen sichereren Ort zu erreichen. Aber wir wussten nicht, wo der sein könnte. Wir liefen blindlings. Wir hatten kein klares Ziel. Die meiste Zeit wussten wir nicht genau, wohin uns der eingeschlagene Weg führen würde. Doch das war nicht wichtig. Die einzige Frage von Bedeutung war: Sind wir sicher, sind unsere Kinder sicher? Welcher ist der beste Weg, um aus der Gefahrenzone herauszukommen? Wir wollten sichergehen, dass wir so weit wie möglich von der Gefahr entfernt waren. Das war alles, woran wir dachten.

So verbrachten wir insgesamt zwei Jahre größtenteils unterwegs. Im heißen syrischen Sommer, wenn die Temperaturen vierzig Grad erreichten und auch im frostigen Winter. Ich zog es vor, während des Winters zu laufen, es war kalt, aber mein Fuß tat nicht so weh.

Die Landminen

Und dann waren da die Landminen. Sie waren überall. Besonders im Umfeld der Städte, in den Dörfern, bei Häusergruppen und Bauernhöfen. Es gab Minen auf den Feldern und am Straßenrand. Viele Menschen kamen durch sie um. Mein Schwager starb und unser Neffe wurde bei der Explosion, die seinen Vater tötete, verletzt.

Um den Landminen aus dem Weg zu gehen, suchten wir nach Fußspuren oder Spuren von Autos, Lastwagen, Traktoren oder Panzern. Dann versuchten wir alle sehr vorsichtig, auf diesen Spuren zu gehen. Wir gingen in einer Reihe, mit fünf bis zehn Metern Abstand voneinander. Wir waren hunderte Menschen in einer langen Reihe, die so weit reichte, wie man sehen konnte. Trotzdem half das nicht immer. Wenn jemand auf eine Landmine trat und starb, stürzten wir alle zu Boden, bis der Lärm vorüber war. Wir mussten die Toten dort zurücklassen, denn wir konnten unseren Marsch nicht unterbrechen. Auch wenn Menschen schrien und viele weinten, konnten wir nicht lange anhalten. Bei den vielen Minen wäre selbst ein Begräbnis zu gefährlich gewesen.

Die Bombenangriffe und der Beschuss gehen immer noch weiter. Die Landminen sind immer noch da. Alles geht immer noch weiter. Selbst wenn wir nach Syrien zurückkehren wollten, hätten wir keine Bleibe, kein Haus. Es gibt dort keine Möglichkeit mehr zu leben.

Jede Stimme zählt! Helfen Sie uns bei unserem Engagement gegen die Bombardierung der Zivilbevölkerung und unterzeichnen Sie unsere Petition STOP! Bombing Civilians!

Lesen sie weiter

Syrien: Es ist dringend erforderlich, den Schutz von Zivilisten und humanitären Helfern zu gewährleisten.
© W. Daniels / HI
Minen und andere Waffen

Syrien: Es ist dringend erforderlich, den Schutz von Zivilisten und humanitären Helfern zu gewährleisten.

Im Nordosten Syriens wiederholt sich der Kreislauf von Gewalt, Angst und Unsicherheit für die Bewohner/-innen! Wieder einmal sind Zivilist/-innen die ersten Opfer von Bombenanschlägen. Handicap International (HI) ist äußerst besorgt angesichts der militärischen Eskalation und der Bedrohung der Zivilbevölkerung. HI ruft alle Konfliktparteien auf, die Zivilbevölkerung zu schützen, insbesondere in den von Luftangriffen und Artilleriefeuer betroffenen Ballungsgebieten.

Militäreinsatz im Nordosten Syriens: Der Schutz der Zivilbevölkerung und humanitären Helfer/-innen ist lebensnotwendig
© Armelle Toucour
Minen und andere Waffen

Militäreinsatz im Nordosten Syriens: Der Schutz der Zivilbevölkerung und humanitären Helfer/-innen ist lebensnotwendig

Die jüngste Militäroffensive im Nordosten Syriens droht tausende Zivilist/-innen von Hilfe abzuschneiden und treibt viele in die Flucht, die oft schon vorher innerhalb Syriens geflohen waren. Davor warnen 15 Hilfsorganisationen, darunter Handicap International. CARE, Ärzte der Welt und Oxfam. Sie fordern die Konfliktparteien dazu auf, das humanitäre Völkerrecht uneingeschränkt zu respektieren und in dicht besiedelten Gebieten keine explosiven Waffen einzusetzen. 


 

Wiener Konferenz: Mehrheit der Staaten für mehr Schutz der Zivilbevölkerung vor Bombardierungen
© B. Chapuis / HI
Minen und andere Waffen Politische Kampagnenarbeit

Wiener Konferenz: Mehrheit der Staaten für mehr Schutz der Zivilbevölkerung vor Bombardierungen

Wien, 2. Oktober 2019. Vertreter/-innen von 133 Staaten und der Zivilgesellschaft kamen für zwei Tage in Wien zur „Internationalen Konferenz zum Schutz der Zivilbevölkerung in der städtischen Kriegsführung“ zusammen. Die Mehrheit der Teilnehmer/-innen unterstützte die Notwendigkeit, dass das menschliche Leid, das durch den Einsatz von Explosivwaffen verursacht wird, beendet werden muss und zeigte sich dazu bereit, mit diesem Ziel an einem politischen Instrument zu arbeiten. Die Konferenz ebnete den Weg für einen Verhandlungsprozess, an dessen Ende im Frühjahr 2020 eine politische Erklärung zur Verabschiedung vorgelegt werden soll. Die Vertreter Deutschlands verpflichteten sich in Wien, konstruktiv an dem Prozess hin zu einer politischen Erklärung mit zu arbeiten. Handicap International hatte jahrelang auf die menschliche Tragödie durch die Bombardierung in Wohngebieten hingewiesen. Die Organisation begrüßte die große Anzahl an teilnehmenden Staaten und unterstrich, dass auch konkrete Maßnahmen zur Unterstützung der Opfer Teil der Erklärung sein müssen. 

Handicap International e.V. ist anerkannter Partner von folgenden öffentlichen Institutionen:

Aswärtiges Amt, BMZ, Europa, UNHCR, GIZ Aswärtiges Amt, BMZ, Europa, UNHCR, GIZ Aswärtiges Amt, BMZ, Europa, UNHCR, GIZ Aswärtiges Amt, BMZ, Europa, UNHCR, GIZ