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Co-Preisträger Friedensnobelpreis 1997

 

Die Angriffe lassen uns kaum Zeit zu helfen!

Nothilfe
Palästina

Die humanitäre Situation in Gaza verschlechtert sich von Tag zu Tag. Samah Abu Lamzy, die in Gaza-Stadt lebt und seit 2007 für Handicap International arbeitet, beschreibt den Schrecken der gesamten Bevölkerung.

„Die meisten Menschen, die zurzeit in Gaza sterben, sind Zivilpersonen“


In den vergangenen zwei Wochen haben die Militäroperationen der israelischen Armee zum Tod von 479 PalästinenserInnen geführt, darunter mindestens 364 Zivilpersonen. 121 von ihnen waren Kinder, 59 Frauen. Die Kämpfe haben auch den Tod von 27 Israelis verursacht, darunter 2 Zivilpersonen und 25 Soldaten. Die humanitäre Situation in Gaza verschlechtert sich von Tag zu Tag. Samah Abu Lamzy, die in Gaza-Stadt lebt und seit 2007 für Handicap International arbeitet, beschreibt den Schrecken der gesamten Bevölkerung.

Wie ist die Situation in Gaza-Stadt? Mussten Sie etwas zu Ihrem persönlichen Schutz unternehmen?

Die Situation ist erschreckend. Für alle. Die Bombenangriffe finden überall im Gazastreifen statt. Zu Beginn dachten wir, wir wären sicher, wenn wir einfach zu Hause blieben. Aber auch die Häuser vieler Zivilpersonen wurden während der letzten zwei Wochen zerstört. Jeder schaut so viele Nachrichtensendungen wie möglich, um zu wissen, wo der Bombenangriff stattfindet, aber wegen der Stromabschaltungen können wir diese Informationen nicht immer bekommen.
Gerade gestern konnte ich hören, dass die Bomben ganz in der Nähe fielen, aber ich hatte keinen Strom und es war unmöglich zu erfahren, welches Stadtviertel angegriffen wurde und ob die Angriffe auf unser Haus zukamen. Das ist sehr beängstigend. Während der vergangenen 24 Stunden hatten wir nicht mehr als zwei Stunden Strom. So hören wir bloß die Explosionen, aber wir wissen nicht, was passiert, wer dort ist, warum dieses Ziel angegriffen wird usw.
Glücklicherweise musste ich bis jetzt mein Wohnviertel noch nicht verlassen, aber einige unserer Kolleginnen und Kollegen von Handicap International, die in Al Shujayea leben, mussten sich zu einigen weiter von den Kämpfen entfernt wohnenden Verwandten flüchten. Und sie sind noch glücklich dran, dass sie Verwandte haben, zu denen sie gehen können. Nach den Informationen, die ich bekommen habe, sind nun über 110.000 Menschen in kommunalen Schutzräumen versammelt, oft einfach Schulen. Sie überleben dort mit sehr begrenzten Hilfsangeboten.

Gibt es ruhigere Zeiten, in denen Sie ausruhen können?

Sehr selten. Und normalerweise in den Morgenstunden, wenn lediglich Drohnen angreifen. Aber Gaza-Stadt ist sehr klein, und wir hören die Bomben Tag und Nacht. Wenn Panzer ein Gebiet beschießen, hören wir ungefähr zwei Explosionen alle drei Sekunden. Und nachts wird es noch schlimmer. Ab 20 Uhr beginnen die Luftangriffe, und die dauern normalerweise ungefähr 12 Stunden. Sie machen Schlaf unmöglich. Wir können nur ein paar Stunden lang ausruhen, normalerweise am Morgen nach Sonnenaufgang. Unsere Kinder leben ständig in Angst. Seit nunmehr zwei Wochen sind sie ans Haus gebunden. Sie hören die Explosionen, sie hören die Menschen schreien, sie sehen die ganze Zeit schlimme Bilder im Fernsehen …  Bei Kindern beginnen sich sehr deutlich posttraumatische Störungen zu zeigen. Meine siebenjährige Tochter hat Bauchschmerzen bekommen und sie muss sich übergeben, wenn sie lautes Schießen hört…  Wenn ich mit Freunden und Verwandten spreche, schildern sie die gleichen Symptome. Was wir durchmachen, ist sehr brutal, und das Ausmaß des Schreckens unter der Bevölkerung wird erhebliche psychologische Hilfeleistungen erfordern, wenn dies vorüber ist.

Konnten Sie überhaupt einmal Ihr Haus verlassen?

Ja, während der paar Stunden Waffenruhe, konnte ich zum Al Shifa Krankenhaus hier in Gaza-Stadt gehen und mit der Physiotherapieabteilung reden, um deren Bedarf zu ermitteln und den verwundeten Menschen, die es brauchten, Hilfe anbieten. Die Aufnahmekapazität des Krankenhauses ist erschöpft, Verletzte werden auf dem Fußboden behandelt, die Flure sind mit Blut bedeckt…  Schon vor den Angriffen war die Situation verheerend, und sie verschlimmert sich von Tag zu Tag, da den Gesundheitseinrichtungen die Mittel ausgehen. Handicap International versucht zurzeit Geld aufzutreiben, um Hilfsmittel zur Verfügung zu stellen und in jedem der 5 Gouvernements im Gazastreifen Beratungsteams für Rehabilitation einzurichten … aber angesichts der Blockade weiß ich, dass es, selbst wenn wir die benötigten Materialien beschaffen können, sehr schwer sein wird, sie über die Grenze nach Gaza zu schaffen.Aber diese Waffenruhen sind selten. Ich habe in den vergangenen zwei Wochen nur zwei sehr kurze bemerkt. Permanent wird gekämpft, und die Bevölkerung des Gazastreifens ist von grundlegenden Dienstleistungen abgeschnitten, den Familien gehen die Grundnahrungsmittel aus, und sie fühlen sich zu unsicher, um rauszugehen und zu holen, was sie brauchen.

Wie sind Ihre Gefühle in Bezug auf die kommenden Tage und Wochen?

Alle sind extrem verängstigt, und in den vergangenen zwei Wochen haben wir keinerlei gute Nachricht erhalten. Gerade, als sie Al Shujayea angegriffen haben, war die ganze Stadt Gaza von Rauch eingehüllt … Bomben fielen überall, und wir dachten, dass dies für uns alle das Ende war. Wir brauchen positive Anzeichen für einen Waffenstillstand in absehbarer Zeit … etwas, dass uns denken lässt, dass wir atmen und uns sicherer fühlen können, wenigstens für einige Zeit.

Unsere Kooperation mit SODI
Logo von SODI

Die aktuellen Projekte werden von unserer Partnerorganisation SODI (Solidaritätsdienst International e.V.) und deren SpenderInnen und Spendern unterstützt. Auf einen Spendenaufruf von SODI an ihre StammspenderInnen konnten über 23.000 Euro für  unsere Projekte in Gaza für besonders schutzbedürftige Menschen gesammelt werden.

Handicap International sagt "Dankeschön"

23 Juli 2014
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