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Co-Preisträger Friedensnobelpreis 1997

 

"Eine Prothese kann dein Leben verändern”

Inklusion Rechte von Menschen mit Behinderung Rehabilitation und Orthopädie
Haiti

James, 25, der beim Erdbeben selbst ein Bein verlor, erklärt, warum er an dem Orthopädie-Kurs teilnimmt, der von Handicap International in Haiti angeboten wird.

“In unserem Klassenzimmer waren 25 Schülerinnen und Schüler; 19 davon kamen nicht lebend heraus.“ James Medina, 25, war in einem Universitätsgebäude, als dieses infolge des Erdbebens vom 12. Januar 2010 einstürzte. Man geht davon aus, dass mehr als 1.000 junge Menschen bei diesem Erdbeben umkamen. Die genaue Anzahl der Opfer ist immer noch unklar, aber niemand zweifelt daran, dass die Zahl sehr hoch ist. Die Überlebenden dieser Katastrophe sind schwer traumatisiert. „Ich war den ganzen Tag unter den Trümmern verschüttet. Die Leichen von fünf meiner Freunde bewahrten mich vor den Trümmern. Ich denke heute noch jeden Tag daran“, sagt James. „Im Krankenhaus musste der Arzt mein Bein amputieren.“

Trotz dieser schmerzhaften Erinnerungen ist James sehr entschlossen. Jeden Tag steht er in aller Frühe auf, um ein „tap tap“ (ein öffentliches Taxi) zu suchen und von Carrefour, einer Wohngegend von Port-au-Prince, nach Pétionville ins Rehabilitationszentrum zu fahren. Das Rehabilitationszentrum wird von Healing Hands for Haiti geführt, einer der Partnerorganisationen von Handicap International. James nimmt dort an einem Kurs zum Orthopädietechniker teil, der von Handicap International durchgeführt wird. Wenn er die dreijährige Ausbildung abgeschlossen hat, wird er orthopädisch angepasste Prothesen für Amputierte herstellen können. „Der Weg zur Arbeit dauert fast drei Stunden, ich komme also erst spätabends nach Hause. Ich lerne nachts, im Innenhof, während meine beiden Schwestern und meine vier Brüder schlafen. Dann schlafe ich noch drei Stunden, bevor ich wieder aufstehen muss, um zu meinem Kurs zu gehen. Ich bin sehr erschöpft. Aber das ist es mir wert.”

Warum ist James so enthusiastisch? „Ich habe gesehen, was für tolle Arbeit die Orthopäden leisten“, sagt er. „Ein paar Monate nach dem Erdbeben war mein Stumpf verheilt. Ich ging in das Rehabilitationszentrum von Handicap International. Ich habe viel trainiert, um meinen Körper auf die Prothese vorzubereiten. An dem Tag, als ich die Prothese das erste Mal probierte, wusste ich gleich: das ist genau meine Prothese, mein neues Bein. Seit diesem Moment fühle ich mich nicht mehr, als wäre ich behindert. Ich habe nicht mehr geweint seitdem.“

“Meine Mutter weint oft, wenn sie meinen Stumpf sieht. Sie versucht die ganze Zeit mich zu beschützen. Manchmal schläft sie neben mir auf dem Boden. Ich sage ihr, dass jeder sein Schicksal akzeptieren muss. Manchmal frage ich mich selber, warum ich zum Zeitpunkt des Erdbebens in dem Gebäude war. Vielleicht hat Gott dieses Schicksal für mich vorgesehen, damit ich anderen Menschen mit Behinderung mit Prothesen helfen kann. Denn eine Prothese kann dein Leben verändern.“

James ist sehr stolz auf seine Prothese. „Ich zeige sie jedem. Ich verstecke sie nicht. Manchmal, wenn ich in der Kirche bin, kremple ich mein Hosenbein hoch, weil es so bequemer ist. Die Menschen sind schockiert, aber das kümmert mich nicht. Mein künstliches Bein soll nicht aussehen wie ein echtes Bein. Ich verdecke das Metall nicht. Warum? Weil ich jetzt, mit meiner Prothese, alles tun kann was ich will, und das möchte ich allen zeigen. Und ich möchte anderen Menschen, die ebenfalls eine Prothese brauchen, helfen.“

James, der seine ersten Prüfungen bestanden hat und in ein paar Monaten seinen Abschluss machen wird, arbeitet bereits mit Patienten: „Es flößt meinen Patienten Vertrauen ein, wenn sie sehen, dass ich ebenfalls eine Prothese trage. Junge Menschen fühlen sich dann nicht mehr so unbehaglich. Sie sehen, dass man trotz Behinderung studieren kann und eine Zukunft hat. Auf der anderen Seite habe ich selbst manchmal Zweifel. Es gibt nicht viel Arbeit in Haiti. Werde ich mit meiner Behinderung nach Abschluss meiner Ausbildung Arbeit finden? Es gibt nur eine Möglichkeit: ich muss als Bester meiner Klasse abschneiden.“

Dann geht er los, um seinen Patienten zu untersuchen: Der fünfjährige Dooly hat deformierte Knie und benötigt Orthesen. Man sieht James die Müdigkeit nicht länger an. Er konzentriert sich auf eine Sache: diesem kleinen Jungen zu helfen, so wie ihm nach dem Erdbeben geholfen wurde.

14 Januar 2014
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