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Co-Preisträger Friedensnobelpreis 1997

 

„Er hat sich neben meinem Sohn in die Luft gesprengt”

Rehabilitation und Orthopädie
Irak

Fetyan war vergangenen Juni in einen terroristischen Anschlag in Mossul verwickelt. Nach schweren Verbrennungen  versucht er sich nun wieder von seinen Verletzungen zu erholen und die Funktionsfähigkeit seiner Hände zurück zu erlangen. Handicap International unterstützt ihn dabei mit Rehabilitationsmaßnahmen. 

Fetyan mit schweren Verbrennungen im Gesicht und an den Armen im Krankenhaus

Fetyan mit schweren Verbrennungen im Krankenhaus | © E. Fourt / Handicap International

Zahlreiche Menschen treffen nacheinander im Rehabilitationsraum des Muharibeen Krankenhauses ein. Dort versorgen die Physiotherapeuten von Handicap International die Patienten. Ein Patient nach dem anderen kommt herein, kein Ende in Sicht. Am späten Vormittag betritt ein Junge in Begleitung seiner Eltern den Raum. Noch nie zuvor haben sie die Physiotherapeuten von Handicap International aufgesucht. „Können Sie uns und unserem Sohn helfen?“ fragt der Vater, Mohammed, und zeigt dabei besorgt auf die Hände des kleinen Jungen. Fetyans Arme und Hände sind schwer verbrannt. Allein bei der Betrachtung der Verletzungen lässt sich die enorme Kraft der Explosion erahnen. Mohammed sucht nach seinem Handy: „Es interessiert Sie wahrscheinlich, was meinem Sohn widerfahren ist,“ sagt der Vater, während er sein Handy nach Fotos und Videos durchsucht, die den Vorfall vor zwei Monaten zeigen.   

 

„Seine Haut hatte sich bereits abgelöst, doch Fetyan war immer noch bei Bewusstsein“

 

Fetyans Vater beschreibt den Ablauf des Anschlags mit Hilfe von Fotos, die zeigen wie der Junge mit schwersten Verbrennungen, in sich gekehrt und stillschweigend auf dem Stuhl sitzt. „Es passierte am 23. Juni um genau 09.30 Uhr. Mein Sohn ging los, um sich mit seinem Cousin ein Eis zu kaufen. Erst haben sich zwei Selbstmordattentäter mitten auf der Straße in die Luft gesprengt. Fetyan, sein Cousin sowie weitere Kunden retteten sich ins Untergeschoss des Eiscafés. Doch dann tauchte ein dritter Selbstmordattentäter auf. Er rannte auf die Kunden zu und sprengte sich direkt neben meinem Sohn in die Luft.“

Mohammeds Augen füllen sich mit Tränen. „Ich hatte einen Laden in der Nachbarschaft. Als der Anschlag geschah, arbeitete ich dort. Nach der Explosion rannten die Menschen auf die Verletzten zu, um ihnen zu helfen. Auch ich kam, um zu helfen. Dort fand ich meinen Sohn. Sein ganzer Körper war verbrannt, ich konnte ihn kaum wiedererkennen. Vor lauter Verzweiflung fing ich an zu weinen. Fetyan war derjenige, der mich tröstete und sagte, dass alles wieder gut werden würde. An den verbrannten Körperstellen hatte sich seine Haut bereits abgelöst, so schwer waren seine Verbrennungen. Aber er war immer noch bei Bewusstsein. Obwohl er unter starken Schmerzen litt, war sein einziger Gedanke, mich zu trösten. 

„Ich werde so lange kämpfen, bis er keine Schmerzen mehr hat.”

Fetyan wurde daraufhin sofort ins Krankenhaus gebracht, wo er dann sechs Wochen verbrachte und viermal operiert wurde. „Die Ärzte transplantierten seine Haut von Beinen und Rücken auf seine Arme und Hände“, erklärte Mohammed. Erst Ende August konnten sie zusammen nach Mossul zurückkehren.

Zwei Physiotherapeuten untersuchen im Beisein seiner Eltern Fetyans Verletzungen. „Wir versuchen Fetyans Arme und sein Gesicht jede Nacht zu massieren, aber es bereitet ihm immer noch starke Schmerzen,“ erzählt Feytans Mutter. Die Spezialisten von Handicap International untersuchen die Folgen von Fetyans Verbrennungen an seinen Händen und erklären, wie diese zukünftig behandelt werden müssen. Violette, eine Fachärztin für Physiotherapie erklärt: „Die Wahrscheinlichkeit, dass Fetyan seine Finger wie zuvor bewegen können wird, ist gering. Aber wir geben unser Bestes seinen Zustand durch Physiotherapie zu verbessern.“

Der Junge fragt, ob er wohl wieder in der Lage sein wird, zu schreiben. Er müsse seine Examen, die er aufgrund des Anschlags verpasst hatte, nachholen. Heute ist der Tag, an dem die Tests wiederholt werden können. „Mein Sohn ist sehr intelligent und er liebt es, in die Schule zu gehen,“ erklärt Mohammed. „Ich würde alles dafür tun, Fetyan eine aussichtsreiche Zukunft zu ermöglichen. Ich habe bereits mein Haus verkauft und meine Ersparnisse aufgebraucht, um dafür zu sorgen, dass es ihm bald wieder besser geht. Ich werde solange kämpfen, bis er keine Schmerzen mehr hat.“ 

28 September 2017
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