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Co-Preisträger Friedensnobelpreis 1997

 

Gaza: Der lange Weg zur Gesundheit für Sabreen

Minen und andere Waffen Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie
Palästina

Durch die Kämpfe im Gaza Streifen im Sommer 2014 wurden tausende Menschen getötet und verwundet. Hunderttauende Palästinenserinnen und Palästinenser mussten fliehen. Sabreen überlebte die Gewalt und versucht heute ganz langsam ihr Leben wieder aufzubauen.

Sabreen sitzt schüchtern auf dem Bett

Sabreen wurde an ihrem Hochzeitstag von einer Granate getroffen. Ihre Schwester überlebte nicht. | © Handicap International

Auch Monate nach dem Konflikt hat dieser noch schwerwiegende Auswirkungen auf den Alltag der Menschen. Guillaume Zerr, Programmleiter für Handicap International in Palästina, sagt:  „Viele Menschen sind nicht in der Lage, den Schock zu überwinden und sich wieder ein normales Alltagleben aufzubauen. Dies gilt für Erwachsene, aber noch mehr für Kinder und Jugendliche. Deshalb ist im Projekt von Handicap International die psychosoziale Unterstützung so wichtig.”

Einer dieser Menschen ist Sabreen Mhmad Abu Erar, ein achtzehnjähriges Mädchen aus Zaïton, in der Nähe von Gaza Stadt. Während eines Angriffes durch einen Granatwerfer wurde sie schwer verletzt und verlor beide Beine. Ihr linker Arm war mit Granatsplittern gespickt.

Schwer verwundet, aber am Leben

Als der Krieg im Sommer 2014 mit aller Gewalt über sie hereinbrach, floh die Familie Abu Erar, wie so viele andere, hastig aus ihrem Haus und suchte vorrübergehend Schutz in einer Schule von UNRWA, einer Organisation der UN, die sich um das Schicksal von palästinensischen Flüchtlingen kümmert. Nach ein paar Tagen beschloss Sabreen zusammen mit ihrer Lieblingsschwester Fatima (26 Jahre) und ihrem Bruder Yahia (24) ein paar Sachen aus ihrem Haus zu holen. Für die Mädchen war es ein ganz besonderer Tag, denn wenn der Krieg nicht ausgebrochen wäre, hätten sie an diesem Tag geheiratet. Da beide Schwestern verlobt waren, hatten sie ein paar Monate zuvor beschlossen, am selben Tag zu heiraten.

Während die Schwestern durchs Haus eilten und Sachen zusammenpackten, ging der Bruder zu den Nachbarn, um sich nach deren Sicherheit zu erkundigen. Genau in diesem Moment traf eine schwere Granate das Haus. Das Dach wurde vollkommen weggefegt, und große Teile des Hauses bestanden nur noch aus Trümmern. Yehia und die Nachbarn rannten sofort hin, aber Fatima war auf der Stelle tot. Sabreen hatte beide Beine verloren und ihr linker Arm war schwer verwundet. Sie verlor sehr viel Blut. „Ich war beim Anblick meiner Schwestern vollkommen gelähmt durch den Schock”, sagt Yehia. „Aber mein Nachbar hat mich wachgerüttelt und gemeinsam haben wir dann gehandelt“. So schnell sie konnten brachten sie Sabreen zum Shifa Krankenhaus in Gaza, das von Verletzten aus allen Richtungen überflutet wurde.

Sabreen bekam erste lebensrettende Maßnahmen, aber die Schwere der Verletzungen machte eine Verlegung in das Nasser Institut in Ägypten notwendig. Beide Beine mussten unter dem Knie amputiert werden. Die Ärzte konnten die Granatsplitter aus ihrem Arm entfernen und ein dauerhaftes Implantat anbringen. Nach drei langen Monaten auf der Intensivstation konnte sie vorsichtig nach Hause verlegt werden. Während ihrer Abwesenheit hatte die Familie das Elternhaus so gut es ging repariert. Der Mann, den sie hatte heiraten wollte, hatte sich zurückgezogen. Seit ihrer Rückkehr hat die Familie alles getan, um Sabreen aufzuheitern und ihr ins Leben zurück zu helfen. Sie sind sehr dankbar, dass nun neun Monate nach dem Konflikt erste Zeichen einer Besserung sichtbar werden.

Sabreen ist kurz vor ihrem Highschool Abschlussjahr. Wenn sie erst einmal die lange Rehabilitationszeit hinter sich hat, wird sie wieder zur Schule gehen. Momentan ist sie immer noch zu Hause. Sie verbringt ihre Tage ohne zu sprechen in ihrem Bett, eine Decke bedeckt ihre verstümmelten Beine. Ihr Bruder Yehia, ein junger Mann, der Willenskraft ausstrahlt, ist dabei, als wir sie besuchen. Er ist es, der uns auf die Bitte seiner Schwester hin erzählt, was ihr passiert ist. Vor dem Krieg war Sabreen ein lebhafter Teenager mit großer Lust auf das Leben. Sie liebte es, ihrer Mutter in der Küche zu helfen und war sehr stolz auf ihre Kochkünste. Sie war Teil einer Gruppe vergnügter Freundinnen und sehr verliebt in ihren Freund, den sie bald heiraten wollte. Wegen ihres fröhlichen Wesens war sie der Augapfel ihrer Brüder und Schwestern. Doch seit dem Krieg hat sie sich sehr zurückgezogen und spricht kaum noch. Wenn sie doch etwas sagt, ist es nur rein leises Flüstern, begleitet von einem traurigen, scheuen Lächeln.

Sabreen leidet unter einer schweren posttraumatischen Belastungsstörung und der Weg bis zu einer vollkommenen Genesung ist lang. Mit dem Geld, das sie gespart hatten, hat die Familie ihr einen Laptop und ein Handy gekauft, damit sie wenigstens ein bisschen Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen kann, während sie darauf wartet, wieder in die Schule gehen zu können. Es hat lange gedauert bevor sie sich überhaupt damit befasst hat, aber vor kurzem hat sie begonnen, ab und zu Freunde anzurufen. Dies sind kleine Schritte, aber doch Zeichen der Hoffnung, über die die gesamte Familie sehr glücklich ist, und die es ihnen erlaubt, wieder durchzuatmen.

Genesung ist möglich

Inzwischen ist die Familie in ihr Haus zurückgekehrt, in dem die alte Mutter (90) mit ihren vier Söhnen und den verbleibenden sieben Töchtern versucht, sich ein neues Leben aufzubauen. Für Sabreen wird es ein langer und mühsamer Weg werden, aber die SpezialistInnen versichern, dass eine psychologische und physische Genesung definitiv möglich ist. Sabreen bekommt weiterhin psychologische Unterstützung und wenn erst die maßgefertigten Prothesen da sind, wird sie von einem Physiotherapeuten unterstützt werden. Das Team von Handicap International denkt auch bereits über zukünftige berufliche Möglichkeiten füre Sabreen nach.
„Zuerst sah es so aus, als ob das Leben für sie nun zu Ende wäre,” sagt ihr Bruder Yehia, „aber auch wenn es lange dauern wird, sie ist sehr stark. Die ganze Familie wird ihr helfen, wieder auf die Füße zu kommen, mit aller Hilfe die sie braucht!“

Die große Bedeutung von  psychosozialer Hilfe und Physiotherapie

Handicap International arbeitet seit 1996 durchgehend in den palästinensischen Gebieten und kennt die Region außerordentlich gut. Unser Team hat viele Krisenmomente erlebt und vielen Opfern wie Sabreen zur Seite gestanden. Von Anfang an haben die unsere Fachkräfte darauf geachtet, die Qualität der Gesundheitsversorgung im Gazastreifen zu verbessern, sowohl mit lokalen als auch mit internationalen Partnern und Organisationen.

Durch das UKIETR Projekt (United Kingdom International Emergency Trauma Register), das von Handicap International geleitet wird, erhielten die Menschen, die im letzten Krieg verwundet wurden, nicht nur die notwendige medizinische Versorgung, sondern die Teams des lokalen Rehabilitationsprogramms bekamen Fortbildungen und technische Hilfen. Handicap International möchte auf diese Weise sicherstellen dass auch in Zukunft ausreichende Fachkräfte da sind, damit eine angemessene medizinische und paramedizinische Versorgung gewährleistet ist. 

Während der letzten Krise hat Handicap International mit multidisziplinären mobilen Teams zusammengearbeitet, die aus Fachkräften für Physiotherapie, Ergotherapie, Krankenpflege, Sozialarbeit und Psychologie bestanden. Diese Teams machen auch Hausbesuche und konzentrieren sich so weit wie möglich auf die besonders Schutzbedürftigen.  „So kam Handicap International in Kontakt mit  Sabreen und ihrer Familie”, sagt Heba Ismail, Mitarbeiterin von Handicap International. „Durch eine unserer Partner Organisationen, ‚The Palestine Avenir Childhood Foundation‘, hatte das Mädchen kurz zuvor einen Rollstuhl bekommen. Das Artificial Limbs & Polio Center (ALPC), ein Partner des Roten Kreuzes, hatte ihren Namen auf eine Warteliste für Patienten, die Prothesen benötigen, gesetzt. Sabreen befindet sich nun in einem Übergangsstadium, während sie darauf vorbereitet wird, Prothesen zu tragen.

8 Juli 2015
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Handicap International e.V. ist anerkannter Partner von folgenden öffentlichen Institutionen:

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