Co-Preisträger Friedensnobelpreis

Gaza: Dima, das kleine Mädchen, das ein Bombardement überlebte

Minen und andere Waffen Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie
Palästina

Im letzten bewaffneten Konflikt in Gaza im Sommer 2014 wurden mehr als 2.000 Menschen getötet und 11.000 verwundet. Die achtjährige Dima war eine von ihnen. Schwer verwundet gewann sie dank guter Chirurgen den Kampf ums Überleben.

Dima lächelt ihren Vater an

Dima bekam bei einem Angriff auf ein Straßenfest ein paar große Granatsplitter in ihren Hinterkopf | © Handicap International

"Dima ist eine außerordentlich gute Schülerin, und sie geht sehr gern zur Schule”, sagt ihr Vater Maher mit einem breiten Lächeln. “Bei ihrem letzten Test hatte sie 98 % richtig”, fügt der 36 jährige Beamte mit unübersehbarem Stolz hinzu.

Dima ist 8 Jahre alt und geht in die zweite Klasse. Durch die Nachwirkungen des Krieges im Sommer 2014 verpasste sie das erste halbe Jahr des laufenden Schuljahres, aber im zweiten Halbjahr gibt sie nun alles. Während des Konfliktes wurde sie schwer am Kopf verletzt, was zu Lähmungserscheinungen und Bewegungseinschränkungen auf der gesamten linken Seite ihres Körpers führte.

Opfer einer Bombardierung

“Während des Krieges zogen meine Schwiegereltern, die in der Nähe der israelischen Grenze wohnen, zu uns. Das war sicherer.” erzählt Maher. “Wir hatten ein großes Haus und boten beinahe 70 vertriebenen Menschen vorrübergehend Unterkunft. Am Ende des Ramadan gab es, wie es der Brauch ist, ein großes Straßenfest in Beach Camp, einem der ältesten palästinensischen Flüchtlingslager, das heute wie ein ganz normaless Stadtviertel aussieht. Meine Frau ging mit meinem Schwiegervater und unseren Kindern zu dem Fest.“

Die Menschen wurden von einem Bombardement getroffen. 12 Menschen, einschließlich einer Gruppe von 10 Kindern, die sich gerade Eis bei einem Eisverkäufer gekauft hatten, waren auf der Stelle tot. Mehr als 50 andere wurden schwer verwundet. “Meine Frau und die anderen Kinder blieben unverletzt, aber mein Schwiegervater war sofort tot, und Dima bekam ein paar große Granatsplitter in ihren Hinterkopf.”, sagt Maher.

Er war bei der Arbeit, als seine Frau voller Angst anrief. Er beeilte sich, so schnell wie möglich dorthin zu kommen. Inzwischen hatten Krankenwagen die Toten und Verwundeten zum nächsten Krankenhaus gebracht.  “Im Krankenhaus angekommen, fanden wir uns in einem unbeschreiblichen Chaos wieder.” fährt Maher fort. “Überall lagen Tote und Verwundete auf dem Boden in Pfützen von Blut. Alle liefen durcheinander und schrien und weinten, und so sehr wir auch suchten, wir konnten unsere Tochter nicht finden.” Sie drängten sich durch die Menge und sahen in der Liste der Toten nach, aber zu ihrer großen Erleichterung war Dima nicht darauf. Mehr als zwei Stunden später fanden sie heraus, dass Dima auf der Intensivstation lag. Die Ärzte sagten, dass ihre Tochter leider nicht mehr zu den dringlichen Fällen zähle, weil sie im Koma liege und sterbe. Man sagte ihnen, dass sie nichts mehr für sie tun könnten, außer beten.

Ein Transport zu dem spezialisierten Saint-Joseph Krankenhaus in Jerusalem war unmöglich, weil Dima dafür nicht stabil genug war. Nach zwei Tagen aber begann sich das Mädchen, zum großen Erstaunen der Ärzte, wieder zu bewegen. Am dritten Tag wurde Dima schließlich verlegt. Da die Eltern keine Erlaubnis hatten, selbst die Grenze zu überqueren, fuhr Dimas alte Großmutter mit ihrer Enkelin nach Jerusalem.

Ein tapferes Mädchen kämpft sich zurück

Dimas Verlegung war nicht ungewöhnlich. Während des Konfliktes wurden 15 von den 32 Krankenhäusern in Gaza beschädigt, 6 von ihnen mussten endgültig geschlossen werden. Von 97 Gesundheitszentren wurden 45 zerstört und 17 wurden geschlossen. Diese starke Verminderung funktionsfähiger Krankenhäusern und Gesundheitszentren führte zu noch mehr Druck auf die Einrichtungen, die noch arbeiteten. Dies war ganz besonders in den vielen Momenten, in denen eine große Anzahlt von Menschen gleichzeitig eine Behandlung benötigte, der Fall. Dadurch mussten viele zu früh entlassen werden, oder Verwundete mussten auf die notwendige Behandlung verzichten. Wegen der überwältigenden Menge an Verletzten und der begrenzten Mittel, mussten viele Patienten mit schweren Traumata in Einrichtungen außerhalb Gazas gebracht werden.

Dima blieb zwei Monate in Jerusalem. Fähigen Chirurgen gelang es, die Granatsplitter aus ihrem Kopf zu entfernen. Nach einer anfänglichen Rehabilitation, konnte sie vorsichtig wieder nach Hause gebracht werden. In den ersten Wochen musste sie im Rollstuhl sitzen, aber heute kann sie schon ohne auskommen.

Handicap International hat Dima im Krankenhaus besucht und ein multidisziplinäres Team, bestehend aus einer Krankenschwester, einem Physiotherapeuten, einem Ergotherapeuten und einem Psychologen, hat einen Behandlungsplan ausgearbeitet. Von Anfang an hat Dima sehr viel Physiotherapie bekommen: in den ersten drei Monaten mehr als drei Mal die Woche. Ein besonderer Schwerpunkt wurde auf eine Reihe von Bewegungsübungen und ein besonderes Training für die Muskulatur ihres linken Beines gelegt. Diese Übungen können in Zukunft von einem örtlichen Therapeuten weitergeführt werden. Der Ergotherapeut von Handicap International konzentriert sich auf das Wiedererlangen alltäglicher Aktivitäten, wie essen und sich selbstständig waschen, eine Toilette benutzen, Schuhe anzuziehen und Schnürbänder zubinden. Ihre linke Hand ist immer noch steif und benötigt noch sehr viel Verbesserung, aber es sind inzwischen schon sehr große Fortschritte erzielt worden. „Die Ärzte, die Dima bereits aufgegeben hatten, haben sie kürzlich wiedergesehen. Ihnen ist die Kinnlade herunter gefallen”,  sagt Maher während er mit den Fingern auf seinem Knie trommelt und sich bemüht, seine Gefühle unter Kontrolle zu behalten.

Neue Hoffnung für die Zukunft

Maher lebt jetzt mit seiner Frau und vier Kindern in einem Mietshaus. Der Rest der Familie blieb zum Glück während des Krieges unverletzt, und jetzt wo sich Dima wieder erholt, gewinnen die Eltern wieder ein wenig an Optimismus. Es ist offensichtlich eine warmherzige und sehr eng verbundene Familie, die für eine bessere Zukunft kämpft.

“Seit dem Ereignis, ist Dima anfälliger für Stimmungsschwankungen und ab und zu hat sie Angstattacken“, sagt Maher. „Aber sie ist ein tapferes Mädchen und sie wird es schaffen. Sie spricht und benimmt sich viel erwachsener als früher. Sie ist auch viel durchsetzungsfähiger geworden."

"Unsere Dima ist ein fröhliches und kluges Mädchen mit großer Leidenschaft und Talent fürs Malen. Kürzlich hat sie wieder bei einem Malwettbewerb mitgemacht, und später möchte sie einmal Ärztin werden, um kranke und verwundete Kinder zu heilen, das hat sie uns erzählt”, fügt  Maher hinzu. Mit ernstem Gesicht nickt Dima zustimmend, als sie die Erklärung ihres Vaters hört.

1 Juli 2015
Weltweites Engagement:
Helfen
Sie mit

Lesen sie weiter

Angriff auf spielende Kinder
© ISNA Agency / HI
Rehabilitation und Orthopädie

Angriff auf spielende Kinder

Abdullah aus dem Jemen spielte gerade draußen mit seinen Freunden, als im Dezember 2019 sein Dorf aus der Luft angegriffen wurde. Der damals 10-Jährige wurde schwer verletzt, sein rechtes Bein musste amputiert werden.

Minen-Räumung wird immer schwieriger und gefährlicher
© Gwenn Dubourthoumieu / HI
Minen und andere Waffen

Minen-Räumung wird immer schwieriger und gefährlicher

München, 30. März 2021. Anlässlich des Internationalen Tages der Aufklärung über die Minengefahr am 4. April weist die Hilfsorganisation Handicap International (HI) auf die Risiken und die hohe Verseuchung durch Landminen, explosive Kriegsreste, Sprengfallen und improvisierte Minen hin. Diese bedrohen vor allem in Wohngebieten das Leben der Zivilbevölkerung und machen die Rückkehr zu einem normalen sozialen und wirtschaftlichen Leben unmöglich. Die Räumung wird immer komplizierter und langwieriger, erklärt Handicap International und fordert außerdem, dass die Gefahrenaufklärung der Bevölkerung dringend ausgeweitet werden muss. Laut dem aktuellen Landminenmonitor sind 80% der Opfer Zivilisten und Zivilistinnen – darunter 43% Kinder.

Sechs Jahre Krieg im Jemen
© Handicap International
Minen und andere Waffen

Sechs Jahre Krieg im Jemen

Die Folgen des massiven Bomben- und Granatbeschusses von Wohngebieten im Jemen sind verheerend. Viele Städte sind mit Blindgängern und nicht explodierten Sprengkörpern verseucht. Auch Landminen wurden in dem seit sechs Jahren andauernden Krieg eingesetzt. Das Ausmaß der Zerstörung sei erschütternd, beklagt die Hilfsorganisation Handicap International e.V. (HI). Die Rückkehr der Bewohner*innen in ihre Wohnorte sei extrem gefährlich, warnt HI. Nach Kriegsende würden komplexe Räumungsaktionen erforderlich sein. Diese würden Jahrzehnte dauern, so die gemeinnützige Organisation.