Gehe zum Hauptinhalt

Haiti: 10 Jahre nach dem Erdbeben

Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie
Haiti

Haiti hat es in den letzten 10 Jahren schwer getroffen. Nach einem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 folgte ein schrecklicher Hurrikan im Jahr 2016. Hinzu kommt die große politische Instabilität, die das Land bis heute lähmt. 2010 hat Handicap International (HI) in Haiti einen der größten humanitären Hilfseinsätze in der Geschichte der Organisation umgesetzt. Auch heute noch leisten die Mitarbeiter/-innen  von HI einen wesentlichen Beitrag, um das lokale Angebot an Reha-Maßnahmen zu stärken.

HI-Physiotherapeutin Marie hilft Maryse, ihre Prothese anzuziehen. Beim Erdbeben verlor sie ein Bein.

HI-Physiotherapeutin Marie hilft Maryse, ihre Prothese anzuziehen. Beim Erdbeben verlor sie ein Bein. | © Davide Preti/HI

Am 12. Januar 2010 wurde Haiti von einem Erdbeben der Stärke 7,0 auf der Richterskala heimgesucht. Die Opferzahlen waren besonders hoch: Mehr als 230.000 Menschen kamen ums Leben und 300.000 wurden verletzt. In der betroffenen Region waren die medizinischen Einrichtungen weitgehend zerstört. Damals gab es in Haiti nur 13 Physiotherapeut/-innen, die meisten von ihnen waren nicht einmal vor Ort, sondern im Ausland tätig. Außerdem hatte das Land damit zu kämpfen, dass es zu wenig Rehabilitations-Fachkräfte gab.

Wie nach dem Weltuntergang

„Überall entstanden improvisierte Zeltstätten. Hunderte von Überlebenden schliefen auf Krankenhausparkplätzen. Die meisten Gesundheitseinrichtungen waren zusammengebrochen“, erklärt Sylvia Sommella, Projektleiterin von HI in Haiti. 2010 kam Sylvia nur wenige Tage nach dem Erdbeben in Port-au-Prince an. „Die Menschen suchten weiter nach Überlebenden, die in den Trümmern gefangen waren. Viele Häuser waren völlig zerstört. An manchen Orten schwebte noch der Staub der eingestürzten Häuser in der Luft. Es war ein Anblick wie nach dem Weltuntergang.“

Schneller Einsatz mit Nothilfe

HI hat unmittelbar nach der Katastrophe mit der Nothilfe begonnen. Unsere Logistikplattform, die schon seit einigen Jahren in Betrieb gewesen war, wurde weiter ausgebaut. Ein paar Tage nach dem Erdbeben trafen bereits die ersten Physiotherapeut/-innen und mehrere Tonnen an humanitären Hilfsgütern vor Ort ein. Im Februar, wenige Wochen nach der Katastrophe, stellte unsere Organisation schon die ersten Notprothesen für die Menschen in Zeltstätten zur Verfügung. Im März nahmen wir die Arbeit in einem Rehabilitationszentrum auf. In der Hochphase des Nothilfeeinsatzes waren mehr als 600 unserer Mitarbeiter/-innen vor Ort, um den Überlebenden zu helfen. Mehr als 90.000 Menschen erhielten Reha-Behandlungen und mehr als 1.400 Menschen eine Orthese oder Prothese. Darüber hinaus haben wir über 25.000 Opfer psychosozial unterstützt.

Aleema aus dem HI-Nothilfeteam über den Einsatz vor 10 Jahren

Auf neue Katastrophen vorbereitet sein

2012 startete HI in Zusammenarbeit mit USAID und der Don Bosco University in El Salvador ein Trainingsprogramm für Orthopädietechniker/-innen und Rehabilitationstechniker/-innen. Dank dieses Programms, das bis 2016 lief, konnten 86 neue Fachkräfte ausgebildet werden. Diese arbeiten derzeit in Haiti. 

Die Teams von HI konzentrieren sich heute auf die kontinuierliche Weiterbildung der lokalen Rehabilitationsfachkräfte, um ihr Wissen weiterzuentwickeln. Marie Dorcasse Laguerre ist für dieses HI-Projekt verantwortlich:

„Wir unterstützen Auszubildende und Fachleute bei der Teilnahme an einem Online-Training.  Nach jedem Trainingsmodul werden vor Ort praktische Übungen mit einem Physiotherapeuten oder einer Physiotherapeutin durchgeführt, die als Tutor/-innen agieren und so deren technische Fähigkeiten stärken. Wenn es in zwei bis fünf Jahren zu einem Erdbeben kommt, werden wir in Haiti Fachleute zur Verfügung haben, die die Notlage  bewältigen können.“

HI arbeitet auch mit Berufsverbänden von Physiotherapeut/-innen und Techniker/-innen aus den Bereichen Orthopädie und Rehabilitation zusammen, ebenso mit dem nationalen Netzwerk für die Integration von Menschen mit Behinderung (RANIPH). Drei Krankenhäuser erhalten Unterstützung dabei, ihre Qualität zu verbessern und ihre Kapazitäten in den Rehabilitationsdiensten zu stärken: das Krankenhaus St. Michel de Jacmel, das Krankenhaus der State University of Haiti in Port-au-Prince und das Krankenhaus Baptist Convention of Haiti in Cap Haïtien.

Aktuell in Haiti: weitere HI-Projekte

HI unterstützt hilfsbedürftige und isolierte Gemeinschaften im Norden des Landes und hilft ihnen dabei, sich auf neue Naturkatastrophen vorzubereiten und sich vor ihnen zu schützen. Unsere Organisation unterstützt auch rund 450 Menschen mit Behinderung dabei, eine Beschäftigung zu finden oder eine selbständige Tätigkeit aufzunehmen. Darüber hinaus will HI auch die hohe Zahl von Verkehrsunfällen bekämpfen. Dafür schärfen die Teams von HI das Bewusstsein der Einwohner/-innen und besuchen Schulen, um Kinder über die Gefahren der Straße aufzuklären. Im Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel haben zudem die Fahrer/-innen die Möglichkeit, an Verkehrssicherheitskursen teilzunehmen.

7 Januar 2020
Weltweites Engagement:
Helfen
Sie mit

Lesen sie weiter

Libyen: Unerträgliche Zustände
© Till Mayer / HI
Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie

Libyen: Unerträgliche Zustände

Die Situation für Zivilist*innen ist in vielen Regionen lebensgefährlich und unerträglich: Tägliche Angriffe, verminte Straßen und Wohnungen, zusammengebrochenes Gesundheitssystem, traumatisierte Menschen. Die Menschen leiden unter Depressionen, der Missbrauch von Alkohol, Drogen und Medikamenten nimmt zu, die zwischenmenschliche Gewalt steigt. Viele Geflüchtete können nicht in ihre Häuser zurückkehren, da diese mit nicht explodierten Munitionsresten oder Minen verseucht sind. Eine ganze Generation ist betroffen, vor allem jüngere Menschen sehen keine Zukunft.

Welttag der Humanitären Hilfe
Patrick Meinhardt / HI
Inklusion Rehabilitation und Orthopädie

Welttag der Humanitären Hilfe

Kelvine braucht nicht nur ein neues Bein: Physio- und Psychotherapeuten von HI arbeiten Hand in Hand, um Gewaltopfern im Kongo zur Seite zu stehen.

Der tapfere Anowar möchte normal leben
Nicolas Axelrod / HI
Inklusion Rehabilitation und Orthopädie

Der tapfere Anowar möchte normal leben

Anowar, 8, lebt mit seiner Familie im Rohingya-Flüchtlingslager in Kutupalong in Bangladesh. Vor 3 Jahren hatte er einen schweren Unfall. Er wurde von einem Lastwagen überrollt und verlor dabei sein rechtes Bein. HI gab ihm eine Prothese und sorgte dafür, dass er weiter in die Schule gehen durfte. Der Kleine übt unermüdlich und ist einer der Besten in seiner Klasse. Doch nun wartet er sehnsüchtig auf eine neue Prothese – die alte ist beim Fußballspielen zerbrochen.