Gehe zum Hauptinhalt

„Ich mache weiter bis Kolumbien minenfrei ist!“

Minen und andere Waffen
Kolumbien

Angie, 20, kommt aus Santander de Quilichao in Kolumbien. Eigentlich hat sie einen Abschluss als Polizistin, aber sie möchte dabei helfen, ihr Land von Minen zu befreien. Seit 2017 arbeitet sie als Minenräumungsexpertin für Handicap International in Cajibío. Durch einen langjährigen Konflikt ist Kolumbien nach Afghanistan das am stärksten durch Minen verseuchte Land. Handicap International bildet lokale Minenrettungsteams aus, damit diese selbstständig die Minenfelder räumen können.

Entminerin für Handicap International in Kolumbien

Angie (20) arbeitet in Kolumbien als Entminerin für Handicap International | © Jules Tusseau/HI

4.30 Uhr im Camp Cajibío in Cauca, eine Region, die gezeichnet ist durch Kolumbiens 50-jährigen Konflikt. Die Mitglieder des Minenräumungsteams öffnen ihre Zelte, steigen in ihre Schutzanzüge und versammeln sich für das Frühstück. Nach der täglichen Erinnerung an die Sicherheitsregeln, checken sie ihre Minenräumungsausrüstung und bewegen sich in Richtung La Venta, ein 411 Quadratkilometer großes vermintes Gebiet. Angie zieht ihren Helm auf, kniet sich hin und durchsucht die Erde Zentimeter für Zentimeter, während die Sonne über Kolumbien aufgeht.  

Angie erklärt: „Es ist nicht einfach dieses Gebiet zu räumen, weil es direkt neben dem Panamerikanischen Highway ist. Der Bereich ist übersät mit Metall und es ist die ganze Zeit sehr laut. Wir können keine Metalldetektoren verwenden, weil sie die explosiven Waffen nicht erkennen und wir das Signal nicht hören. Wir müssen alles per Hand machen, was anstrengend und zeitraubend ist und eine Menge Konzentration erfordert. Wir haben in den letzten drei Monaten einen improvisierten Sprengsatz zerstört. Das klingt nach wenig, aber andererseits es hätten Menschen verletzt werden können. Wir haben vielleicht das Leben von Jemandem gerettet und das 

Minenräumerin zu werden war nicht immer Angies Wunsch. „Ich bin wie alle anderen Mädchen aufgewachsen: Ich liebte meine Familie, meine Freundinnen und Shoppen. Ich wollte für die Polizei arbeiten. Nach meinem Studium war ich ausgebildet, um für die ‚criminalista', also die Kriminalpolizei zu arbeiten. Ich wollte Gerechtigkeit und meinem Land helfen. Vor zehn Monaten habe ich die Stellenanzeigen von HI gesehen und sofort gewusst, dass das das Richtige für mich ist. Ich  habe mich beworben und an einer Reihe von Prüfungen teilgenommen. Ich habe erklärt, warum ich den Job machen will und dass ich fit genug bin. Zum Beispiel wurde ich gefragt, ob ich mehr als fünf Kilo – also das Gewicht des Anzuges - für einen längeren Zeitraum tragen kann. Es ist auch notwendig für die vielen Reisen bereit zu sein. Ich habe zu allem ‚Ja‘ gesagt. Und sie haben mich eingestellt. Über 50 von uns haben an dem intensiven, monatelangen Training teilgenommen, haben nachts in Zelten geschlafen, geübt, wie man Minen räumt und so weiter. Ich habe sehr viel gelernt“, erzählt Angie.

Eine gefährliche Aufgabe

Wenn Angie über die Risiken ihres Jobs spricht, ist sie ehrlich, aber selbstbewusst: „Ich habe Angst, aber ich denke, wenn ich mich an die Sicherheitsregeln halte und meinen Helm aufbehalte, kann mir nichts passieren. Was mich weiter vorantreibt, ist die Idee unser Land von Minen zu befreien.“

Entminerin Angie und ihre Familie Alle sechs Wochen fährt Angie nach Hause, um ihre Mutter Olga, die ein Restaurant in ihrer Heimatstadt führt, zu besuchen. Olga denkt ungern darüber nach, dass Angie jeden Tag in den Minenfeldern arbeitet. „Wir leben in einem Gebiet, das stark vom Konflikt betroffen war. Ich erinnere mich, dass ich ganze Nächte unter dem Bett verbracht habe, weil ich bewaffnete Männer neben meinem Haus gespürt und explodierende Granaten gehört habe. Das Haus von unserem Nachbarn hat Feuer gefangen. Ich habe Verwandte verloren. Der Krieg hat tiefe Narben hinterlassen. Dann hat Angie mir erzählt, dass sie Minen räumen will. Das war ziemlich schwierig für mich. Aber dann habe ich mir gedacht: Sie macht das, was sie will und ist in Gottes Händen.“

Am Ende des Tages liegt Angie im Bett in ihrem Zelt, welches sie mit Leonela, 19 Jahre, dem jüngsten Teammitglied, teilt. „Ich mag das Campleben, den Gemeinschaftssinn und alles zu teilen. Wir sind wie eine Familie. Ich bin stolz, dass ich etwas tue, um den Frieden in unserem Land zu sichern. Ich mache weiter bis Kolumbien minenfrei ist!“, fügt sie mit einem Lächeln hinzu.

17 November 2017
Weltweites Engagement:
Helfen
Sie mit

Lesen sie weiter

Humanitäre Hilfe muss in Konfliktregionen ankommen
© HI
Minen und andere Waffen Nothilfe

Humanitäre Hilfe muss in Konfliktregionen ankommen

Nach dreimonatiger Verzögerung hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 1. Juli endlich die Resolution 2532 (2020) angenommen, in der die sofortige Einstellung von Feindseligkeiten und eine humanitäre Feuerpause von mindestens 90 Tagen gefordert wird. Dadurch soll ermöglicht werden, dass humanitäre Hilfe zur Bekämpfung des Coronavirus auch Menschen in Konfliktregionen erreichen kann.

Syrien: Rückkehr schier unmöglich
© Bahia Z./ HI
Minen und andere Waffen Nothilfe Rechte

Syrien: Rückkehr schier unmöglich

Armut, zusammengebrochenes Gesundheitswesen, Coronavirus und die Verseuchung durch explosive Kriegsreste – die syrische Bevölkerung, die vor dem Krieg geflohen ist, steht vor immer größer werdenden Herausforderungen. Solange die lebenswichtige Versorgung nicht wiederhergestellt ist und Minen geräumt sind, können sie nicht nach Hause zurückkehren und ein menschenwürdiges Leben führen.

Mit Mut zurück ins Leben
© ISNA Agency / HI
Minen und andere Waffen

Mit Mut zurück ins Leben

Der kleine Marwan – so wollen wir ihn hier nennen – ist einer von Tausenden Opfern von Bombenanschlägen im Jemen. Sein Leben wurde über Nacht auf den Kopf gestellt, als er sein Bein verlor. Der 7-Jährige war lange traumatisiert. Erst als er von HI eine Prothese und psychologische Unterstützung bekam, kehrte sein Lebensmut zurück.