Gehe zum Hauptinhalt

Südsudan: Interview mit Lucia Morera, Programmleiterin vor Ort

Nothilfe Öffentlichkeitsarbeit Rehabilitation und Orthopädie
Südsudan

Lucia Morera, Leiterin des Programms von Handicap International im Sudan, berichtet über die alarmierende humanitäre Situation des Landes und stellt die Schwerpunkte von 2015 vor.

Ein Kind sitzt inmitten von Dreck und Küchenutensilien

"Die Situation bleibt hoffnungslos. Momentan sind 1,5 Millionen Menschen ins Landesinnere geflüchtet und weitere 480000 haben Zuflucht im Ausland gesucht." | © Camille Lepage / Handicap International

Wie würdest du die Situation im Südsudan nach über einem Jahr der Kämpfe beurteilen?

Die Situation bleibt hoffnungslos. Der Südsudan durchläuft seit Dezember 2013 eine ernsthafte politische Krise mit zahlreichen Kämpfen, ethnischen Massakern und bedeutenden Bevölkerungsbewegungen. Momentan sind 1,5 Millionen Menschen ins Landesinnere geflüchtet und weitere 480000 haben Zuflucht im Ausland gesucht. Die von den Konfliktparteien unterzeichneten Übereinkommen werden nicht angewandt und die Situation bleibt instabil, besonders im Norden des Landes. Man muss sich das vor Augen halten: innerhalb der ersten Monate der Kämpfe wurden mehr als 9000 Kinder von den Streitkräften rekrutiert. Zahlreiche Vertriebene in den Lagern haben keinen Zugang zu Wasser, medizinischer Versorgung oder einer dauerhaften Unterkunft. Und tausende traumatisierte und/oder verletzte Menschen erhalten nicht die notwendige Unterstützung. Der Südsudan – die jüngste Nation der Welt – ist in einer alarmierenden humanitären Krise gefangen.

Was sind in dieser alarmierenden Situation die Prioritäten von Handicap International?

Seit Beginn der Krise war die oberste Priorität von Handicap International den schutzbedürftigsten, von diesem Konflikt betroffenen Menschen – Frauen, Kindern, Alten und Menschen mit Behinderung – sofortige Unterstützung zu ermöglichen (Zugang zu Rehabilitationsmaßnahmen, Verteilung von Schutzsets und Gehhilfen usw.) und ihnen die Teilnahme an Angeboten der humanitären Organisationen zu erleichtern. Handicap International hat also in den Vertriebenenlagern von Juba und der Region Awerial Anlaufstellen „Behinderung und Schutzbedürftigkeit“ eingerichtet. Momentan fährt Handicap International fort, die Menschen ausfindig zu machen, die die Hilfe am Nötigsten haben, ihre Bedürfnisse einzuschätzen, ihnen angemessene Unterstützung vorzuschlagen (vor allem zur Wiedereingliederung, auf psychosozialer oder psychomotorischer Ebene) oder sie zu anderen Hilfsorganisationen zu überweisen. Des Weiteren werden die mobilen Mannschaften – zusammengesetzt vor allem aus KrankengymnastInnen, ErgotherapeutInnen und PsychologInnen – von nun an anderen humanitären Organisationen zur Verfügung gestellt, um der Bevölkerung in den unterschiedlichsten Gegenden des Südsudans helfen zu können. Außerdem konzentriert sich Handicap International auf die Entwicklung von dauerhaften Projekten für das seelische Wohlbefinden, für die Rehabilitation und auf eine Ausweitung der Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderung.

Was bietet Handicap International den Vertriebenen an, die unter Stress und Angstzuständen leiden?

Wir haben über 500 Sitzungen zur psychosozialen Unterstützung durchgeführt, um den intern Vertriebenen zu helfen ihre Traumata zu überwinden. In Gruppen sprechen sie über ihre Erlebnisse, unterstützen sich und konfrontieren sich mit ihren Ängsten. Eine grundlegende Unterstützung für ein besseres Wohlbefinden.

Handicap International hilft also wirklich den Schwächsten?

Stimmt genau! Im Umfeld dieser Konflikte haben gerade die Schwächsten und Einsamsten nicht immer Zugang zu der Hilfe, die sie benötigen. Durch die Aktivitäten zur Feststellung der Schwächsten bringt der Verband Hilfe für die Ältesten, für die Menschen mit Behinderung, die sich nicht mehr fortbewegen können, für Frauen und Kinder, die ganz besonders dem Gewaltrisiko ausgesetzt sind. Handicap International berät humanitäre Akteure ebenso wie die Gemeindevorstände, damit sie nicht vergessen, bei ihren Aktivitäten die Schutzbedürftigsten zu berücksichtigen. Zusammenarbeit ist die Voraussetzung, um in diesem Land nicht die Hoffnung zu verlieren. Wir sind alle gleich in Anspruch genommen, um die Probleme des täglichen Lebens in den Lagern zu lösen! Manche sagen zu uns „ihr kümmert euch um die Schutzbedürftigsten, ihr seid gerecht“ – das ist nicht immer einfach! Aber das macht uns die Wichtigkeit unseres Daseins und unsere Verantwortung nur noch bewusster.

12 Februar 2015
Weltweites Engagement:
Helfen
Sie mit

Lesen sie weiter

Terroreinstufung Jemen
© ISNA Agency / HI
Minen und andere Waffen Nothilfe

Terroreinstufung Jemen

Die scheidende US-Regierung hat am 10. Januar 2021 die Huthi-Rebellen-Organisation Ansar Allah im Nordjemen als terroristische Gruppe und ihre Anführer als Terroristen eingestuft. Handicap International warnt vor den schwerwiegenden Folgen dieser Maßnahme für die jemenitische Zivilbevölkerung.

„Dank meiner Prothese kann ich alles machen, was ich will!"
Jaweed Tanveer / HI
Inklusion Rehabilitation und Orthopädie

„Dank meiner Prothese kann ich alles machen, was ich will!"

Als Ali in der Nähe seines Dorfes seine Ziegen weiden ließ, trat er auf einen Sprengsatz. Sein Bein wurde bei der Explosion schwer verletzt. Es musste unterhalb des Knies amputiert werden. Schon zwei Monate später bekam Ali eine Prothese von HI und lernte wieder zu laufen. Nun kann er endlich wieder so leben wie vor seinem Unfall.

Die Angst vor Corona
© HI
Nothilfe Rechte von Menschen mit Behinderung Rehabilitation und Orthopädie Vorsorge und Gesundheit

Die Angst vor Corona

Das Leben war nicht gut zu Frau Dhahabo. Von ihren acht Kindern sind nur noch sechs am Leben. Sie lebt mit zwei von ihnen im Flüchtlingslager Kalobeyei und ist von den anderen vier getrennt: zwei von ihnen sind in Nairobi  und zwei in Äthiopien. Sie lebt in einem Haus aus getrockneten Lehmwänden und Plastikplanen, mit zwei Enkeln und einer schwerhörigen Tochter.