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Syrien: „Mit 102 Jahren musste ich das erste Mal mein Zuhause verlassen“

Minen, Streubomben und andere Waffen Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie
Syrien

Fteim Al-Ali ist 102 Jahre alt. Noch nie musste sie einen Krieg miterleben. Bis heute. Wie so viele muss auch die beeindruckende Frau mit der starken Stimme unter dem Krieg leiden.

Fteims tattoowiertes Gesicht ist sehr ernst

Fteim Al-Ali ist 102 Jahre alt. Noch nie musste sie einen Krieg miterleben. Bis heute. Wie so viele muss auch die beeindruckende Frau mit der starken Stimme unter dem Krieg leiden. | © Tom Shelton / Handicap International

Im Oktober 2013 wurde Fteim schwer verletzt, als eine Bombe ihr Haus im Bezirk Hama traf. Sie wurde schnell ins Krankenhaus gebracht, um dort operiert zu werden, aber ihr linkes Bein musste amputiert werden. Im Juni 2014 schaffte es Fteim zusammen mit ihrem Sohn und seiner Familie in den Libanon. Nun lebt sie in einem Zelt in einem notdürftigen Lager im Bekaa-Tal, nur ein paar Kilometer von der syrischen Grenze entfernt.

„Ich war alleine in meinem Haus. Plötzlich traf eine Bombe mein Haus und die Wand stürzte ein und auf mich. Die Nachbarn kamen und brachten mich ins Krankenhaus in Hama. Sie nahmen mein Bein ab. Ich blieb zwei Monate lang, um wieder zu Kräften zu kommen. Später reiste ich mit meinem Sohn in den Libanon. Gott sei Dank hat Handicap International mich gefunden, mir einen Rollstuhl gegeben und weiter geholfen. Ich hoffe, dass ich bald wieder laufen kann.“

Unser mobiles Team traf Fteim fünf Tage nach ihrer Ankunft im Libanon. Umgehend erhielt sie ein spezielles Bett, einen Rollstuhl, einen Toilettensitz und Krücken. Als Fteim so weit war, begann unsere Physiotherapeutin Cynthia mit Rehabilitationsmaßnahmen, um ihre Muskeln zu kräftigen und gab ihr eine Gehhilfe, damit sie sich leichter fortbewegen kann.

Am Tag, an dem die Fotos entstanden sind, wartet Fteim darauf, dass ihr ein Arzt (ebenfalls ein Flüchtling aus Syrien) Medikamente gegen ihren Bluthochdruck bringt. Sie sitzt auf einem Plastikstuhl in ihrem Zelt, hält ihre Gehhilfe fest und gestikuliert während sie spricht.

„Ich habe drei Kinder. Zusammen mit all den Enkelkindern weiß ich nicht, wie viele wir sind! Ich habe sonst niemanden, also bin ich mit ihnen in den Libanon gekommen. Meine Kinder sind gut zu mir und kümmern sich um mich. Leider kann ich wegen meines Beins nicht zurück nach Syrien - ich kann mich nicht bewegen. Ich will zurück, aber ich kann nicht. Ich hoffe, die Lage wird sich bessern und wir können zurück nach Hause.“

„Wir alle hatten Häuser in Syrien, aber jetzt ist alles weg. Wo ist mein Bein? Früher konnte ich mich ganz selbstständig fortbewegen, jetzt kann ich nichts mehr tun.“

Wir würden gerne wissen, ob sich Fteim mit ihren 102 Jahren noch an den Ersten oder den Zweiten Weltkrieg erinnert.

„Ich erinnere mich nicht an den Ersten Weltkrieg, nicht einmal an den Zweiten. Wir waren so glücklich in Syrien. Das ist der erste Krieg, den ich erlebe - das erste Mal, dass ich in 102 Jahren mein zu Hause verlassen musste. Ich habe in Syrien viele Kämpfe und Katastrophen miterlebt. Dieser Krieg muss Gottes Wille sein. Ich hoffe, dass sich die Lage bald bessern wird.“

Obwohl der Konflikt, der ihr Land in Atem hält, sie erschöpft, ist da immer noch ein Leuchten in Fteims Augen und eine beeindruckende Entschlossenheit, ihre Unabhängigkeit wieder zu erlangen.

„Jedes meiner Kinder muss Miete bezahlen und das Leben hier ist teuer, sie können es sich also nicht leisten, mich bei allem zu unterstützen. Gott sei Dank haben mir Cynthia und Elias [ihre Physiotherapeutin und ihr Sozialbetreuer von Handicap International] dieses Bett, den Rollstuhl und die Gehhilfe gegeben. Ich kann zurzeit nicht mit der Gehhilfe üben, da ich Schmerzen in meinem Bein habe. Aber sie helfen mir dabei, aufzustehen und ein paar Schritte zu gehen. Das ist mein Schicksal - ich hoffe, dass ich bald wieder laufen und unabhängig sein und dass ich selbstständig auf die Toilette oder nach draußen gehen kann.“

Nachdem wir Fteim und ihren unerschütterlichen Willen kennengelernt haben, sind wir sicher, dass sie es bald schaffen wird!

29 Januar 2015
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