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Co-Preisträger Friedensnobelpreis 1997

 

„Zum Glück konnten wir aus Mossul fliehen“

Minen und andere Waffen Nothilfe Politische Kampagnenarbeit
Irak

Widad wurde im April 2017 bei der Explosion einer Landmine verletzt, als sie aus Mossul fliehen wollte. Die Ärzte nahmen ihr das rechte Bein ab. Nun wird sie im Krankenhaus von Hamdaniyah behandelt, wo ein Physiotherapeut von Handicap International sie regelmäßig besucht und versorgt.

Widad und Salam in einem Korridor des Krankenhauses in Hamdaniyah.

Die 27-Jährige Widad verlor bei ihrer Flucht aus Mossul ein Bein, konnte aber ihre 6 Monate alte Tochter retten. | © T. Mayer / Handicap International

Als Salam, der Physiotherapeut von Handicap International, das Zimmer von Widad betritt, wiegt sie gerade ihre sechs Monate alte Tochter Hadil in ihren Armen. „Sie ist mein einziges Kind“, sagt sie, während sie das Baby liebevoll betrachtet. „Mein Mann und ich haben sechs Jahre lang versucht, ein Kind zu bekommen. Und dann kam Hadil. Ich weiß nicht, ob ich noch mehr Kinder bekommen kann. Nach allem, was mir passiert ist…“
Widad senkt den Blick zu ihrem Bein und erinnert sich an den Unfall, der vor nur einem Monat ihr Leben veränderte. „Das Leben in Mossul war wirklich hart. Die Bomben und Explosionen hörten einfach nicht auf und wir waren krank vor Angst. Und dann trafen sie eines Tages auch unser Haus. Wir haben es irgendwie geschafft, aus dem Schutt zu entkommen und zu fliehen. Wir waren um die zwanzig Leute, alle aus derselben Nachbarschaft. Alle haben wir nur versucht, am Leben zu bleiben und aus der Stadt raus zu kommen… Und dann bin ich auf eine Landmine getreten.“

 

Widad arbeitet mit ihrem Physiotherapeuten Salam hart, um sich auf das Tragen einer Prothese vorzubereiten.

 

Widad blickt hinunter zu Hadil, die in ihren Armen eingeschlafen ist. „Ich hoffe, dass sie sich nicht daran erinnert“, sagt die junge Mutter ganz leise. „Ich trug sie auf meinen Armen, während ich lief. Doch als die Mine explodierte, warf ich sie in die Luft, um sie zu schützen. Zum Glück hat sie nur ein paar kleine Verletzungen abbekommen. Ich wünschte, ich könnte dasselbe von den anderen Leuten sagen, die mit uns unterwegs waren. Mein Onkel starb vor meinen Augen, auch ein kleines Mädchen. Und meine Beine wurden schwer verletzt.“


„Ich will meine Hoffnung zurück”

Widad war in mehreren Krankenhäusern, bevor sie nach Hamdaniyah kam und Salam traf. Der Physiotherapeut von Handicap International besucht sie regelmäßig und hilft ihr dabei, sich an ihre neue Situation zu gewöhnen. „Ich tue alles, was ich kann, damit Widad eines Tages eine Prothese bekommt“, sagt er. „Täglich mache ich Übungen mit ihr, um ihre Muskeln zu stärken.“ Widad scheint hochmotiviert und gibt sich viel Mühe mit den Übungen, die Salam ihr zeigt und empfiehlt.

„Der Tag, an dem ich mein neues Bein bekomme, ist der Tag, an dem ich mein Leben und meine Hoffnung zurückbekomme“, sagt sie mit einem Lächeln.

Doch es liegen noch viele Herausforderungen vor der jungen Mutter. Deshalb versucht Salam, ihre Erwartungen zu bremsen. „Widad glaubt, dass sie diese Prothese zum Leben braucht. Aber sie ist eine sehr starke Frau und muss nicht erst auf eine Prothese warten, um ihr Leben weiter zu leben. Es gibt so viele Menschen mit Amputationen – es könnte noch sehr lange dauern… Ich versuche ihr daher mit allen Mitteln zu verdeutlichen, dass sie auch mit nur einem Bein sehr viel tun kann. Mit den Übungen möchte ich sie aber in der Zwischenzeit auf das Tragen einer Prothese vorbereiten.“

 

Mit explosiven Kriegsresten übersäte Häuser

Salam wartet bereits draußen mit dem Rollator, den Handicap International Widad gegeben hat, und schlägt vor, den Rest der Reha-Übungen außerhalb des Zimmers fortzusetzen. Widad steht auf und beginnt zu laufen. Als sie gemeinsam den Krankenhauskorridor hinuntergehen, erzählt sie Salam von ihren Zukunftsängsten. „Wenn ich aus dem Krankenhaus entlassen werde, gehe ich zu meinem Mann ins Flüchtlingscamp. Ich kann nicht zurück nach Mossul, wir haben dort alles verloren: unser Haus, unser Auto … Die ganze Nachbarschaft wurde dem Erdboden gleich gemacht. Einige meiner Verwandten sind noch in der Stadt und ich spreche manchmal mit ihnen. Sie sagen, dass es ständig Bombardierungen gibt. Manche Leute können nicht einmal fliehen. Die Türen zu ihren Häusern wurden versperrt und sie sind gefangen. Wir hatten Glück, dass wir es geschafft haben, zu fliehen und zu überleben. Ich habe auch schon von Leuten gehört, die zurückgegangen und gestorben sind, weil ihre Häuser mit Sprengkörpern übersät waren. Ich werde dieses Risiko nicht eingehen. Dafür habe ich zu viel Angst um meine Familie, um meine Tochter.“

 

Die Notlage in Mossul

Die Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen und den Regierungstruppen im Irak haben in den letzten Jahren die Vertreibung von mehr als drei Millionen Menschen verursacht. Schätzungen zufolge benötigen bereits elf Millionen Menschen im Irak humanitäre Hilfe. Durch die Offensive von Mossul sehen sich die internationalen Organisationen mit einer nie da gewesenen Herausforderung konfrontiert. Über 500.000 Menschen sind seit Oktober letzten Jahres vor den Kämpfen geflohen.

Die Notlage in Mossul: Die Kämpfe zwischen bewaffneten Gruppen und den Regierungstruppen im Irak haben in den letzten Jahren die Vertreibung von mehr als drei Millionen Menschen verursacht. Schätzungen zufolge benötigen bereits elf Millionen Menschen im Irak humanitäre Hilfe. Durch die Offensive von Mossul sehen sich die internationalen Organisationen mit einer nie da gewesenen Herausforderung konfrontiert. Über 500.000 Menschen sind seit Oktober letzten Jahres vor den Kämpfen geflohen.

Auf Spiegel Online finden Sie weitere Bilder und Geschichten der Reportage von Till Mayer.

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