Co-Preisträger Friedensnobelpreis

„Ich betrachte mich nicht als Opfer“

Nothilfe
Ukraine

Denys Byzov lebt in Kiew und arbeitet für unsere Teams mittlerweile als Organisator und Übersetzer in der Ukraine. Hier berichtet er von seinen Erlebnissen, der Evakuierung seiner Familie und seiner heutigen Tätigkeit bei HI während des Ukrainekriegs. Er will besonders Älteren und Menschen mit Behinderung helfen, mit ihrer teils furchtbaren neuen Lebenssituation zurechtzukommen.

Caglar Tahiroglu, Leiterin der psychologischen und psychosozialen Nothilfe von HI in der Ukraine und Denys Byzov, Mitorganisator und Übersetzer für die Nothilfeprojekte im Land

Caglar Tahiroglu, Leiterin der psychologischen und psychosozialen Nothilfe von HI in der Ukraine und Denys Byzov, Mitorganisator und Übersetzer für die Nothilfeprojekte im Land. | © HI

"Ich bin Denys und habe in den letzten Jahren als Spezialist für klinische Studien in der Ukraine gearbeitet. Ende Februar hat sich mein Leben völlig verändert. In der Nacht zum 24. Februar wurden wir von lauten Geräuschen geweckt. Unsere Stadt, Kiew, wurde bombardiert.

In den nächsten Tagen hatten meine Frau und unser Baby große Angst. Wir wussten nicht, was vor sich ging und was wir tun sollten. Es schien so unwirklich, dass jetzt Krieg war. Nach mehreren schlaflosen Nächten beschlossen wir, zunächst in den Westen des Landes zu reisen. Normalerweise dauert es nur ein paar Stunden, um mit dem Auto dorthin zu kommen, aber wir haben zwei Tage gebraucht. Es waren so viele Menschen unterwegs in den Westen und es herrschte so viel Verkehr. Wir haben viele Familien mit Kindern gesehen und viele Autos, die auf der Straße liegen geblieben waren, weil es kein Benzin mehr gab. Fast die gesamte Strecke über wurden wir von Bombenangriffen bedroht, was für mich sehr anstrengend und für meine Familie sehr beängstigend war.

Die Menschen wissen nicht, ob ihre Familien in Sicherheit sind

Nach einigen Diskussionen haben wir entschieden, dass meine Frau mit unserem Kind ins Ausland fliehen sollte. Ich blieb hier.

Diese Entscheidung fiel uns nicht leicht, aber die Grenzen sind für Männer geschlossen; nur Frauen und Kinder können das Land verlassen. Und ich wollte, dass meine Familie in Sicherheit ist. Im Moment sind sie in Deutschland. Wir haben gerade den ersten Geburtstag unseres Babys gefeiert, per Telefon.

Bedarf an langfristiger Unterstützung

Nachdem meine Familie in Sicherheit war, wollte ich unbedingt den Tausenden von Vertriebenen und Verletzten helfen. Ich sah die lebenswichtige Arbeit, die Handicap International bei uns leistet, und fragte, ob ich in irgendeiner Weise helfen könne.

Seitdem arbeite ich mit den Teams vor Ort als Organisator und Übersetzer. Meine Aufgabe ist es, an den Gesprächen mit den Menschen teilzunehmen, die in den von HI unterstützten Notunterkünften und Krankenhäusern leben. Ich helfe dabei, die Barrieren von Sprache und Kultur zu überbrücken.

In den Unterkünften sehe ich viele ältere Menschen, die ihre neue Realität nur schwer begreifen können. Sie haben ihr ganzes Leben am selben Ort verbracht und es fiel ihnen sehr schwer, ihre Heimat zu verlassen. Jetzt sind diese Orte zerstört. Die alten Menschen können nicht glauben, dass sie kein Zuhause mehr haben, in das sie zurückkehren können.

Ich persönlich betrachte mich nicht als Opfer. Es gibt so viele Menschen, die Gewalt erlebt haben und deren Familienangehörige gestorben sind; Menschen, die sich in einer viel schwierigeren Situation befinden als ich jetzt.

Ich hoffe, dass dieser Krieg bald zu Ende ist. Die Zahl der Verletzten und Vertriebenen steigt von Tag zu Tag und wir benötigen jeden Tag mehr Ressourcen, um sie zu versorgen.

Ich möchte allen Menschen danken, die uns in einer so kritischen und dramatischen Situation unterstützen. Wir wissen Ihre Hilfe sehr zu schätzen und können Ihre Unterstützung spüren.“

4 Mai 2022
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