Co-Preisträger Friedensnobelpreis

Minenräumung unter extremen Bedingungen

Minen und andere Waffen
Tschad

Seit November 2018 führt HI im Tschad in der Nähe von Faya-Largeau, der Hauptstadt der Provinz Borku, ein Projekt zur Räumung von explosiven Kriegsresten wie Landminen und Explosivwaffen durch. Rund 50 Entminer/-innen sind dort im Einsatz. Gilles Lordet, Kommunikationsbeauftragter für HI, hat das Team bei einem typischen Morgeneinsatz begleitet.

Auf dem Bild gehen die Entminder mit ihrer schweren Ausrüstung auf einem Pfad in der Wüste im Tschad entlang

Der Arbeitsalltag mitten in der Wüste bei 40°C am Morgen | © Gilles Lordet / HI

4.30 Uhr. Das Team bricht vor Sonnenaufgang auf. Wir fahren zu einem Einsatzgebiet in Wadagar, etwa zehn Meilen von Faya-Largeau entfernt. Das Entminungsteam startet so früh, um den kühlen Morgen für die Arbeit zu nutzen.

5.00 Uhr. Wir kommen in Wadagar an, das wir nach 15 Minuten Fahrt stadtauswärts erreichen. Wir befinden uns jetzt mitten in der Wüste. Unser Basislager liegt an einem Zufahrtsweg. Die 15 Minenräumer/-innen, die an diesem Morgen hier tätig sind, versammeln sich um Pitchou Lousamba, den Einsatzleiter. Dieser erklärt, was an diesem Tag gemacht werden soll: „Wir beginnen mit der Räumungsmaschine. Die Minenräumteams werden nur da eingesetzt, wo es ergänzend nötig ist.“     

Einsatz der Räumungsmaschine

5.30 Uhr. Bei der Räumungsmaschine handelt es sich um das Modell SAG200, das speziell für HI und die Räumung der explosiven Kriegsreste im Tschad gebaut wurde. Die Maschine funktioniert wie eine Art großer Mähdrescher mit rotierenden Vorderarmen, der alle Sprengkörper zur Detonation bringt, die seinen Weg kreuzen. Von einer Garage im Zentrum von Faya-Largeau wird die Maschine per LKW zur Baustelle transportiert. Der Räumungsexperte Charles Coly, der für den Umgang mit der Maschine ausgebildet wurde, steuert sie aus sicherer Entfernung:

„Aus Sicherheitsgründen muss ich immer mehr als 150 Meter von der Maschine entfernt sein, wenn sie sich auf mit Kriegsresten verseuchtem Land befindet. Die vorderen Arme drehen sich mit fast 3.000 Umdrehungen pro Minute. Sie graben 20 Zentimeter tief in den Boden und zerstören alle Sprengkörper, die ihnen im Weg sind. Normalerweise werden die Minen dabei automatisch in Stücke gerissen – sie haben nicht einmal Zeit zum Explodieren. Doch manchmal passiert es dennoch. Vor einigen Wochen explodierte eine Rakete, als die Maschine über sie hinwegfuhr. Die Maschine ist unversehrt geblieben. Sie ist so konstruiert, dass sie einer Explosion standhält.“

Gilles Lordet erklärt in einem kurzen Video seine Eindrücke aus dem Tschad © HI

6.30 Uhr. Das Wetter und fehlender Wind haben die Sicht so beeinträchtigt, dass die Maschine nicht richtig genutzt werden kann. Supervisor Pitchou beschließt, ihren Einsatz zu beenden und schickt stattdessen die Entminungsteams zur manuellen Minenräumung los.

7.00 Uhr. Sechs Minenräumer/-innen rüsten sich mit Schutzkleidung, Helmen und Metalldetektoren aus. Entlang des 200 Meter langen Zugangswegs machen sie sich zum Einsatzgebiet auf. Sie arbeiten in Zweierteams. Der erste entmint und der zweite schaut aus sicherer Entfernung zu – bereit einzugreifen, wenn es ein Problem gibt.

7.30 Uhr. Die manuelle Minenräumung braucht viel Zeit und Geduld. Die Entminer/-innen arbeiten entlang eines meterbreiten Korridors. Sie bewegen den Metalldetektor über dem Boden und schreiten in Schritten von 40 Zentimetern voran. Ein Lineal auf dem Boden markiert jeden Schritt nach vorne.

„Es mag nicht so aussehen, aber es ist ein anstrengender Job. Es sind 40 Grad, wir stehen in der prallen Sonne und tragen die gesamte Ausrüstung. Minenräumer brauchen regelmäßige Pausen. Sie müssen sich voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren. Ihre Bewegungen müssen präzise sein und sie müssen jederzeit genauestens den Anweisungen folgen“, sagt Pitchou.

8.00 Uhr. Die Temperatur steigt auf 40 Grad. Die Räumungsteams arbeiten in 45-minütigen Schichten. Um zehn Uhr machen sie eine Pause zum Trinken und Essen. Dann arbeiten sie weiter bis zum Mittag, wenn alle Teams zum Basislager zurückkehren. In der Zwischenzeit wird die Maschine zurück in die Werkstatt gebracht, wo sie routinemäßig überprüft wird.

Diese Räumung von explosiven Waffen ist Voraussetzung, um die Wege und das Land wieder für die lokale Bevölkerung freigeben zu können. So eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Region von Faya-Largeau, die sich vor allem aufgrund der explosiven Kriegsreste nur langsam entwickelt hat.

Bereits um 4:30 Uhr morgens beginnt der Arbeitstag, weil es gegen Mittag zu heiß zum Arbeiten wird © Gilles Lordet / HI

2 August 2019
Weltweites Engagement:
Helfen
Sie mit

Lesen sie weiter

Minen-Räumung wird immer schwieriger und gefährlicher
© Gwenn Dubourthoumieu / HI
Minen und andere Waffen

Minen-Räumung wird immer schwieriger und gefährlicher

München, 30. März 2021. Anlässlich des Internationalen Tages der Aufklärung über die Minengefahr am 4. April weist die Hilfsorganisation Handicap International (HI) auf die Risiken und die hohe Verseuchung durch Landminen, explosive Kriegsreste, Sprengfallen und improvisierte Minen hin. Diese bedrohen vor allem in Wohngebieten das Leben der Zivilbevölkerung und machen die Rückkehr zu einem normalen sozialen und wirtschaftlichen Leben unmöglich. Die Räumung wird immer komplizierter und langwieriger, erklärt Handicap International und fordert außerdem, dass die Gefahrenaufklärung der Bevölkerung dringend ausgeweitet werden muss. Laut dem aktuellen Landminenmonitor sind 80% der Opfer Zivilisten und Zivilistinnen – darunter 43% Kinder.

Sechs Jahre Krieg im Jemen
© Handicap International
Minen und andere Waffen

Sechs Jahre Krieg im Jemen

Die Folgen des massiven Bomben- und Granatbeschusses von Wohngebieten im Jemen sind verheerend. Viele Städte sind mit Blindgängern und nicht explodierten Sprengkörpern verseucht. Auch Landminen wurden in dem seit sechs Jahren andauernden Krieg eingesetzt. Das Ausmaß der Zerstörung sei erschütternd, beklagt die Hilfsorganisation Handicap International e.V. (HI). Die Rückkehr der Bewohner*innen in ihre Wohnorte sei extrem gefährlich, warnt HI. Nach Kriegsende würden komplexe Räumungsaktionen erforderlich sein. Diese würden Jahrzehnte dauern, so die gemeinnützige Organisation.

Mohammad möchte anderen Mut machen
© Catherina Hess
Minen und andere Waffen

Mohammad möchte anderen Mut machen

Am 15.03. jährt sich der Beginn des Bürgerkrieges in Syrien zum 10. Mal. 13 Millionen Menschen benötigen humanitäre Hilfe. Das Land ist immer noch verwüstet. Großstädte wie Rakka und Aleppo wurden durch Bombardierungen komplett zerstört. Mohammad Jolo ist schon vor fünf Jahren nach Deutschland geflohen – ein besonders  beschwerlicher Weg für ihn, da er blind ist. Viele andere Syrer*innen sind aktuell noch auf der Flucht.