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Co-Preisträger Friedensnobelpreis 1997

 

Pablos Augenprothese: kleine Größe, große Wirkung

Inklusion Minen, Streubomben und andere Waffen
Kolumbien

Pablo war gerade in die Pubertät gekommen, als er in seinem Heimatland Kolumbien Opfer eines Landminenunfalls wurde und dabei ein Auge verlor. Eine Augenprothese von Handicap International hat sein Leben erneut verändert, dieses Mal zum Positiven.

Pablo steht auf einem großen Platz umringt von Tauben. Er lacht und verscheucht die Tauben.

Durch die Augenprothese von Handicap International hat Pablo wieder Freude am Leben gefunden. | © Bas Bogaerts / Handicap International

Pablo geht unauffällig in das kleine Büro von Pastoral Social, dem lokalen Partner von Handicap International in der Bergstadt Pasto im Süden Kolumbiens. Man sieht nicht sofort, dass Minensplitter sein Auge getroffen haben, als er vierzehn Jahre alt war. “Ich habe eine Augenprothese”, sagt er leise, aber deutlich. Von den dramatischen Umständen, die dazu geführt haben, berichtet er uns mit einer bemerkenswerten Gelassenheit.

(K)ein Tag wie jeder andere

Es ist 2012 und es sind Schulferien in Kolumbien. Pablo ist auf dem Hof seines Vaters. Am Morgen beschließt er, einen Freund zu besuchen, der etwas weiter weg wohnt. Er nimmt, wie üblich, die Abkürzung.

„Als ich unterwegs war, spürte ich plötzlich, wie etwas gegen mein Bein stieß. Gleich danach gab es eine laute Explosion und überall war Staub. Mein Gesicht wurde nass. Ich fasste hin und spürte, wie eine Flüssigkeit meine Wange hinablief. Tränenflüssigkeit, so wurde mir später gesagt. Ich hatte auch Schmerzen in der Hand. Ich musste mich auf den Boden setzen und konnte mich nicht mehr bewegen.”

Pablo hatte einen Stolperdraht berührt, die als unsichtbare Falle auf dem Weg platziert worden war, um eine Landmine auszulösen. Ein falscher Schritt – und er wurde, wir tausende vor ihm, zu einem weiteren zivilen Opfer des kolumbianischen Konflikts zwischen der Armee, bewaffneten oppositionellen Gruppen und kriminellen Banden geworden, in dem Landminen, oft selbst gebaute Sprengkörper, ein übliches Kriegsmittel sind.

Sein Vater hörte nur den Knall. Sofort machte er sich voller Sorge auf die Suche nach seinem Sohn. Er fand ihn schwerverletzt. Auf seinem Rücken brachte er ihn nach Hause und dann ins Gesundheitszentrum. Dabei hatten Sie Glück im Unglück. Zu Fuß hätten sie zwei Stunden gebraucht – doch ein zufällig vorbeifahrender Autofahrer nahm sie mit.

Diagnose nach vierundzwanzig Stunden

Für Pablo hatte das, was zu einem irrsinnigen Hindernislauf auf der Suche nach der richtigen Behandlung werden sollte, gerade erst angefangen. Zwar wurde er im Gesundheitszentrum behandelt und er erhielt Schmerzmittel, doch um seine Wunde korrekt zu behandeln, fehlte den Mitarbeitenden schlichtweg die Kompetenz. Also schickten sie ihn in ein Krankenhaus in der Stadt.

Als Pablo dort ankam, traf er gleich auf zwei Probleme: Weit und breit kein Augenarzt – und nicht mal ein Krankenbett. Es folgte eine lange, schmerzhafte Nacht des Wartens im Korridor bis er um fünf Uhr morgens endlich die Nachricht bekam, dass ihm im Kinderkrankenhaus geholfen werden könne. Erst dort erhielt Pablo eine fachgerechte Behandlung, fast vierundzwanzig Stunden nachdem der Minensplitter sein Auge durchbohrt hatte.

Im Kinderkrankenhaus gab es schlechte Nachrichten: Sein Auge konnte nicht gerettet werden. „Als der Arzt die Nachricht verkündete, begann ich zu weinen. Und mein Vater ebenso. Ich war plötzlich zur Hälfte erblindet und hatte eine Augenhöhle ohne Auge. Als ich klein war, kannte ich einen Mann, dem ein Auge fehlte und ich fand es furchtbar, dass es bei mir nun genauso war. Ich war geschockt.”

Weg mit den Verbänden und der Sonnenbrille

Dank Handicap International wurde Pablo im Krankenhaus häufig von John, dem Psychologen der Partnerorganisation Pastor Social, besucht. Er betreute den Jungen psychologisch und führte einen Moment des Durchbruchs in seinem Leben herbei, indem er eines Tages in Begleitung eines Anwalts, der auch ein Auge verloren hatte, erschien. „Ich musste raten, welches Auge es war”, sagt Pablo, „aber ich sah einfach keinen Unterschied. Erst als er eines seiner ‚Augen’ herausnahm, glaubte ich ihm. Das war der Moment, in dem ich wieder Hoffnung schöpfte.”

Diese Hoffnung wurde Wirklichkeit, als Pablo einige Monate später eine Augenprothese von Handicap International erhielt. Es war ein Moment, den er so schnell nicht vergessen wird. „Als ich meine Augenprothese zum ersten Mal ausprobiert und in den Spiegel gesehen habe, konnte ich es kaum glauben: Ich sah aus wie vorher! Ich war unbeschreiblich glücklich. Zuvor bin ich mit einem Verband über meiner leeren Augenhöhle herumgelaufen und habe vor Scham immer eine Sonnenbrille getragen.“

Pablos Vater ist so stolz auf das Ergebnis, dass er allen davon erzählte. Pablo selbst spricht kaum über sein Schicksal. Wenn er seine Prothese zum Desinfizieren herausnimmt, dürfen nur sein Vater und seine fünfzehn Jahre alte Schwester im Raum sein. „Meine jüngere elf Jahre alte Schwester darf das auch sehen, aber sie will nicht. Es ist ihr zu unheimlich”, fügt er lachend hinzu.

Mit dem linken Fuß Tore schießen

Handicap International gewährleistet, dass Pablo weiterhin eine psychosoziale Betreuung erhält. Er nimmt an Ausbildungslehrgängen teil und beteiligt sich an Entspannungsübungen mit anderen Jugendlichen, die Opfer eines Landminenunfalls wurden.

„Ich versuche, die gleichen Dinge zu tun, die ich vor dem Unfall getan habe. Ich lese gern und das gelingt mir auch mit einem Auge. Ich spiele immer noch Fußball, auch wenn ich früher Rechtsfüßer war. Die rechte Seite ist jetzt meine Schwachstelle, weil ich einen Spieler, der sich mir von dieser Seite nähert, nicht sehen kann. Daher habe ich angefangen, meinen linken Fuß zu trainieren. Ich spiele im Sturm und kann inzwischen mit links ziemlich gut Tore schießen”, sagt Pablo sichtlich ein wenig stolz.

Der siebzehn Jahre alte Kolumbianer möchte nun die Sekundarschule beenden und seine Ausbildung dann in Jura fortsetzen. Er will Anwalt werden und damit dem Beispiel des Anwalts folgen, der einst an seinem Bett stand. Er glaubt trotz des Unfalls wieder an die Zukunft. Dank der Unterstützung und der Augenprothese.

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22 Februar 2016
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