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Südsudan: Moses möchte nach vorne blicken

Inklusion Rechte von Menschen mit Behinderung Rehabilitation und Orthopädie
Kenia Südsudan

Im Alter von 7 Jahren wurde Moses von einer Schlange gebissen und sein rechtes Bein musste amputiert werden. Durch den Bürgerkrieg im Südsudan war er gezwungen in das Flüchtlingslager Kakuma in Kenia zu fliehen. Heute hat er eine neue Prothese und kann zur Schule gehen.
Moses sitzt auf einem Klettergerüst im Flüchtlingslager und schaut in die Kamera. Er zeigt sein Prothese.

Ein junger Mann sitzt auf einem kleinen Klättergerüst. Er trägt eine Beinprothese.

Moses wurde im Alter von sieben Jahren von einer Schlange gebissen woraufhin sein Bein amputiert werden musste. Nach seiner Flucht aus dem Südsudan lebt er heute im Flüchtlingslager Kakuma in Kenia. | © X. Bourgois/Handicap International

Es war Regenzeit im südsudanesischen Dorf Fangak, als der 7-jährige Moses am Fluss spielte. Plötzlich stieß er einen lauten Schrei aus, sprang aus dem Wasser und rannte so schnell es ging nach Hause. Eine Schlange hatte ihn ins Bein gebissen. Im Dorf gab es weder einen Arzt noch ein Krankenhaus. Auch seine Eltern hatten kein Geld und konnten nichts für ihren Sohn tun. Das Bein entzündete sich. Wenige Monate später wurde Moses ins Krankenhaus in Lockichogio gebracht. Sein Bein musste sofort amputiert werden, und ihm wurde eine Prothese angepasst. Doch mit dieser Prothese konnte er weder zu Schule gehen, noch seinem Lieblingshobby Fußball nachgehen. So ging er als Zuschauer zu Fußballspielen, ohne selbst mitspielen zu können. Der König des Fußballs, so nannten sie ihn, war nun gezwungen, abseits des Spielgeschehens hinter den Seitenlinien zu stehen und zuzuschauen.

Als Moses zehn Jahre alt war, entschied sein Onkel, dass etwas getan werden muss: „Du bist jung und hast nur noch ein Bein“ sagte er. „Wenn du nicht zur Schule gehst, war es das mit dir. Wir müssen gehen.“ Daraufhin packte er zwei T-Shirts ein, verabschiedete sich von seinen Eltern, Schwestern und Brüdern und reiste zusammen mit seinem Onkel nach Juba im Südsudan. „Meine Prothese passte mir nicht mehr. Es war sehr schwer darin zu gehen”, berichtete er. Seine Familie sollte er nie wiedersehen. Die Jahre vergingen. Moses ging in die Grundschule und schloss diese erfolgreich ab. Seine Erinnerungen an diese Zeit sind nicht sehr glücklich. „Es war eine schwere Zeit“, sagt er. Im Dezember 2013 brach der Bürgerkrieg aus. Als sein Onkel kurze Zeit später bei den Kämpfen ums Leben kam, war Moses 16 Jahre alt - und  von einem Moment auf den anderen allein. Mit Hilfe von UN-Mitarbeitern kam Moses in das Flüchtlingslager Kakuma im Nordwesten Kenias.

Februar 2014, Kakuma. 40 Grad im Schatten: Der Boden hatte Risse. Moses steht im Aufnahmezentrum des Flüchtlingslagers, wo sich die Neuankömmlinge sammeln. Durch die Prothese hat er so starke Schmerzen, dass sie ihn vom Gehen abhält. Innerhalb von drei Monaten traf Moses auf Fachkräfte für Ergotherapie von Handicap International. Sie hörten sich seine traurige Geschichte an, untersuchten sein Bein und gaben ihm Gehstützen. Am 9. Oktober 2014 wurde Moses dann in das Rehabilitationszentrum in Nairobi überwiesen. Dort erhielt er eine neue Prothese und eine Rehabilitationstherapie. Das war eine große Hilfe für Moses.

25. Mai 2015. Für Moses ist es nun leicht herumzulaufen, aber er lebt immer noch im Aufnahmezentrum. „Ich dachte, ich bin nur für zwei Wochen hier, aber mittlerweile ist es ein ganzes Jahr. Die Menschen laufen hier nur durch. Mein Abschlusszeugnis ist in Juba. Ich kann nicht zur Schule gehen. Sie sagen nur: ‚Du musst warten.‘ Es ist hart, aber Gott hat mir Geduld gegeben, also warte ich.“
Reiza Dejito ist Koordinatorin der Flüchtlingsprojekte von Handicap International in Kenia. Sie weiß: „Moses ist 18 Jahre alt. Er ist kein Kind mehr. Aber er hat eine Behinderung und keine Familie hier. Wir können ihn nicht einfach allein lassen. Er muss beschützt werden. In Kakuma haben über 50% der Menschen mit Behinderungen bestimmte Formen von Menschenrechtsverletzungen erfahren. Oftmals werden Sie Opfer physischer oder verbaler Gewalt, werden ausgegrenzt und diskriminiert. Sie sind schutzbedürftiger als andere Menschen.”

26. Mai 2015. Moses‘ Leben verändert sich plötzlich. Er erhielt eine offizielle Ermächtigung des Bildungsministeriums, dass er wieder in die Schule gehen kann. John Kimani, Bildungsbeauftragter von Handicap International in Kenia, berichtet: „Wir waren von Moses Geschichte besonders berührt. Unserer Ansicht nach war es lebensnotwendig für ihn, wieder zur Schule zu gehen. Deshalb haben wir uns mit dem Bildungsministerium im Südsudan in Verbindung gesetzt, damit sie uns sein Abschlusszeugnis zuschicken. Wir hatten ein langes Gespräch mit Moses jetzigem Klassenlehrer und haben seine Uniform, Schuhe und Bücher bezahlt. Materielle Umstände sollten seiner Bildung nicht im Weg stehen.”

27. Mai 2015. Moses‘ erster Schultag. In weißem Hemd und grüner Hose sitzt er zusammen mit seinen 52 Klassenkameraden im Klassenzimmer. Am Ende des Tages leuchten seine Augen: „Ich hatte einen tollen Tag. Es war wunderbar. Ich werde Dinge lernen! Und vielleicht kann ich auch wieder Fußball spielen. Ich habe meine Vergangenheit vergessen. Sie liegt hinter mir. Ich will von jetzt an nur nach vorn blicken.“ Ein neues Kapitel in Moses Leben hat begonnen.

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13 Juli 2015
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