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Co-Preisträger Friedensnobelpreis 1997

 

Interview mit HI-Mitarbeiterin Uta Prehl

Rehabilitation und Orthopädie
Burkina Faso Deutschland Jordanien

Seit mehr als zehn Jahren ist Uta Prehl Mitarbeiterin von HI und für die Organisation im In- und Ausland tätig. In einem Interview gibt uns die gelernte Physiotherapeutin, die heute als Beraterin arbeitet,  Einblicke in ihren Werdegang und Alltag als Entwicklungshelferin.

Erzähle uns von deinem Job Uta, was genau machst du?

Ich bin im Team vom DRT tätig (département ressource technique), die sogenannte technische Abteilung von HI, bestehend aus Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Orthopädiemechanikern. Wir sind zehn Leute, die nicht projektbezogen arbeiten, sondern als Berater die Projekte im Bereich Rehabilitation einer  ganzen Region betreuen. Ich persönlich bin für Westafrika zuständig und lebe auch in Ouagadougou, Burkina Faso, und betreue von dort aus die Länder wie Benin und Togo, Mali, Burkina Faso und Niger, Sierra Leone und Liberia, Senegal und den Tschad.


Weil viele Leute sich keine Physiotherapie leisten können oder der Weg zu weit ist, organisieren wir Schulungen des Gesundheitspersonals vor Ort. Meine Aufgabe ist es zum Beispiel Partnerschaften mit lokalen Organisationen auf die Beine zu stellen, Trainingsmodule zu entwickeln und Trainings im Bereich Rehabilitation durchzuführen. Ein ganz wichtiger Aspekt meiner Arbeit ist die Qualitätssicherung, um die Nachhaltigkeit der Projekte sicherzustellen. Das gestaltet sich oft schwer, da zum Beispiel Kinder aus ihren Prothesen herauswachsen und die Familie, falls das zuständige Projekt nicht mehr vor Ort ist, keine finanziellen Mittel für eine neue hat.

Wie bist du zu HI und an diese Stelle gekommen?


Begonnen hat das Alles schon in der Ausbildung. Ich habe mich schon damals für die Arbeit im Ausland interessiert, sogar in der Physiotherapieschule, die ich besucht habe, eine AG gegründet. Nachdem ich zehn Jahre lang als Physiotherapeutin in den USA gearbeitet habe, bin ich mit meinem Freund nach Neu Delhi, weil er dorthin für ein USAID (Uniited States Agency for interantinal delvelopement) Projekt entsandt wurde. Vor Ort habe ich die damalige Geschäftsführerin von HI in Neu Delhi kennen gelernt und fand die Schnittstelle zwischen Reha und NGO sofort spannend.

Nach unserer Rückkehr aus Indien habe ich zwei Jahre lang in den USA für eine amerikanische NGO, Population Services International, gearbeitet und Erfahrungen im Projektmanagement gesammelt; immer noch mit dem Ziel später für HI tätig zu werden. Danach war ich vorerst in Deutschland und dort im Vorstand von HI tätig. Zwischenzeitlich hatte ich mich als Projektkoordinatorin für eine Stelle in einem Flüchtlingscamp in Afghanistan beworben, was dann aus  Sicherheitsgründen nicht zustande kam. 2008 hat es mit dem Ausland endlich geklappt und ich bin für HI mit der Familie nach Jordanien gegangen. Seit 2015 wohne ich in Burkina Faso, einige Zeit davor, im Jahr 2010, war ich auch mal für HI in Gaza tätig.

Was reizt dich so an deiner Arbeit im Ausland?

Ich habe in Deutschland und in den USA viele Jahre als Physiotherapeutin gearbeitet und meinen Job auch geliebt.  Mit den Jahren sah ich jedoch wenig Herausforderung, was sicher auch mit der Anerkennung als Physiotherapeutin in Deutschland zu tun hat. Die Arbeit mit HI als technische Beraterin im Bereich Rehabilitation reizt mich deswegen so sehr, weil sie so vielseitig, herausfordernd und anspruchsvoll ist.  Und gleichzeitig erlaubt sie mir in und mit anderen Kulturen zu arbeiten, was es natürlich spannend macht.

Du hast einen Mann und einen Sohn. Ist dein Job nicht schwer mit der Familie vereinbar?

Einfach ist es sicherlich nicht. Aber ich liebe meinen Job und es ist durchaus machbar, ihn und die Familie zu verbinden. Zum Beispiel hat mein Mann ein Sabbatjahr genommen und ist 2008 mit mir nach Jordanien gekommen. So konnte die ganze Familie zusammen leben.
Damals war mein Sohn noch ein Kleinkind, jetzt ist er 13 und möchte in Deutschland leben. Ich freue mich, dass er mich auf manchen Reisen für HI begleitet hat. Er akzeptiert meinen Job und versteht, dass er ein Teil von mir ist. Es ist mir wichtig, ihm nicht das Gefühl zu vermitteln, mein Job sei mir wichtiger als er. Und zum Glück habe ich oft die Gelegenheit meine Familie in Deutschland zu besuchen. Durch meine Arbeit hat mein Sohn schon viel von der Welt gesehen. Seit Neymar Jr. Botschafter für HI ist, findet er die Organisation sogar ziemlich cool.  

Welches Schicksal ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Da gibt es mehrere. Generell finde ich es schlimm, dass in vielen Ländern der Aberglaube herrscht, Kinder mit Behinderung seien eine Strafe von Gott oder ein Anzeichen für einen Fluch, der über der Familie liegt. Diese falschen Annahmen führen oft dazu, dass der Mann die Mutter des Kindes mit Behinderung verlässt und diese alleine für die Familie sorgen muss.


So war es auch bei einer Frau, die ich im Süden vom Senegal traf. Ihre 16-jährige Tochter, die bei der Geburt aufgrund von Sauerstoffmangel eine Zerebralparese entwickelt hat, leidet an starken Spastiken und hat dadurch Deformitäten in vielen Gelenken entwickelt. Sie ist auf einen gut passenden und funktionierenden Rollstuhl angewiesen. Ihr Aktueller war schlecht angepasst. Die Frau arbeitet in einem Restaurant, jedoch darf sie ihre Tochter nicht mit an den Arbeitsplatz bringen und sichtbar im Rollstuhl sitzen lassen, weil ihr Chef das verbietet. Infolge dessen liegt das Mädchen den ganzen Tag im Eck eines dunklen Hinterzimmers des Restaurants auf einem Teppich.
An solchen Fällen merkt man, wie wichtig es ist, Menschen über Behinderungen aufzuklären und dafür zu sensibilisieren. Der Mutter dieser Tochter habe ich eine Empfehlung für das HI-Rollstuhltraining ausgeschrieben und sie für eine orthopädische Hilfsmittelversorgung auf ein Rehabilitationszentrum verwiesen, mit dem wir zusammen arbeiten. Doch sie ist nur eine von Vielen, es ist noch ein langer Weg, bis Menschen mit Behinderung überall angemessene Hilfe bekommen und in die Gesellschaft eingegliedert sind, so wie alle anderen Menschen auch. Durch die Arbeit vor Ort können wir die Betroffenen ausfindig machen und ihnen helfen. Wir versuchen dabei vorzugsweise dezentralisiert zu arbeiten und nicht nur in den Städten, wo viele Familien nur schwer hinkommen können, um ihre physiotherapeutische Versorgung zu bekommen.

Gibt es noch etwas, dass du über deine Arbeit erzählen möchtest?

Ich habe oft das Gefühl,  viele Menschen denken überwiegend an Nothilfe-Projekte, wenn sie von HI hören. Doch gerade HI denkt mit Blick auf die Zukunft und hat einen sehr langfristigen Fokus. Nach Trainings gibt es sogenannte „follow-ups“. Dort wird nach einiger Zeit geprüft, ob das Erlernte richtig umgesetzt wird. HI wird im globalen Kontext koordiniert und überwacht, was eine ständige Qualitätskontrolle mit sich bringt.
Außerdem arbeiten wir nachhaltig mit Partnerorganisationen zusammen. Das macht es möglich, langfristige Ziele zu verfolgen.

8 Februar 2018
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