Gehe zum Hauptinhalt

„Wann wird es endlich aufhören?“

Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie
Syrien

Omar, 32 Jahre, ist Syrer. Als Flüchtling lebt er nun im Flüchtlingslager Azraq in Jordanien. In Syrien wurde er gefoltert und ist durch die belastenden Erfahrungen schwer traumatisiert. Nun  erhält er von Handicap International Rehabilitationsmaßnahmen und psychologische Unterstützung.

Omar im Behandlungsraum im Camp Azraq

Omar ist Syrer und lebt im Flüchtlingslager Azraq in Jordanien. | © E. Fourt / Handicap International

Omar begrüßt seinen Physiotherapeuten Abdelillah mit einem Händedruck und nimmt Platz in dem kleinen Behandlungsraum für Physiotherapie, den Handicap International im Flüchtlingscamp Azraq eingerichtet hat. Omar sieht erschöpft aus. Die dunklen Schatten unter seinen Augen stehen in starkem Kontrast du dem grellen Sonnenlicht, das draußen scheint.
Abdelillah fragt nach, wie es dem Patienten geht. Da beginnt Omar zu schluchzen. Der Physiotherapeut hört ihm geduldig zu und versucht ihm Mut zu machen, nach vorn zu blicken. „Ich bin 32, doch jeder mögliche Weg scheint in einer Sackgasse zu enden“, antwortet Omar. „Manchmal habe ich das Gefühl, dass es keine Zukunft gibt. Wann wird das endlich aufhören? Wann?”

Die Ereignisse der letzten Jahre lasten immer noch schwer auf Omars Schultern. Zwischen 2011 und 2013 wurde er zweimal gefoltert, über einen Zeitraum von 30 Tagen. Schon 2013 machte er sich zur Flucht nach Jordanien auf, kam aber erst Anfang 2016 in Azraq an. Durch die Folter kann er nicht mehr richtig laufen. Seine Wunden sind sowohl körperlicher als auch psychischer Natur.

Abdelillah versucht, ihn zu trösten. Ein Lächeln zeichnet sich auf dem Gesicht des jungen Mannes ab: „Ich bin so froh, dass du hier bist“, sagt er leise. „Ich musste mit jemandem sprechen. Ich fühle mich so allein hier. Manchmal denke ich, ich könnte sterben und es würde niemanden interessieren… Vor ein paar Monaten dachte ich, alles würde sich ändern. Ich fand eine Frau, die mich heiraten wollte. Doch ihr Vater stellte sich dagegen, weil ich eine Behinderung habe. Er hat mein Selbstbild komplett zerstört. Und ich bin immer noch nicht darüber hinweg gekommen.“

 
 „Ich finde es schwer, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken”

Abdelillah hilft Omar seit einigen Wochen. Er versucht, ihn in die Aktivitäten miteinzubeziehen und ihm das Gefühl zu geben, dass seine Anwesenheit geschätzt wird. „Ich will, dass du dein Leben so siehst, wie du die Physiotherapie siehst“, sagt Abdelillah, als er mit einer Reihe Übungen beginnt. Während er die verschiedenen Bewegungen ausführt, wirkt Omar entspannter. „Es ist sehr schwer für mich, Hoffnungen für die Zukunft zu entwickeln. Meine schlechte Laune holt mich ständig ein“, gibt er zu. „Doch die Physiotherapiestunden helfen mir, wieder auf den richtigen Weg zu kommen."


„Wir betreuen Omar auch psychologisch in Form von Therapiestunden“, sagt Abdelillah. „Wir helfen ihm, jeden Tag so hinzunehmen, wie er geschieht und sich nicht von den Gedanken an die Zukunft herunterziehen zu lassen. Das wird Zeit brauchen. Er hat sehr viel Angst. Er geht durch Hochs und Tiefs, doch das ist etwas, was wir sehr oft in unseren Sitzungen erleben. Fürs Erste ist es unser Ziel, dass es mehr Hochs als Tiefs gibt.“
Die Stunde ist beendet. Omar bedankt sich beim Physiotherapeuten von Handicap International und fügt hinzu: „Wenn du und deine Organisation nicht hier wärt, dann wüsste ich nicht, was aus mir geworden wäre. Ihr gebt mir das Gefühl, dass ich geschätzt werde – dass ich eine Rolle in der Gesellschaft spiele. Ich bin immer noch sehr belastet, doch nach jeder Behandlung fühle ich ein bisschen mehr, dass es etwas gibt, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Ich fühle mich jedes Mal erleichtert, wenn ich hinausgehe.“ 

Abdelillah und Omar im Behandlungszentrum von Handicap International im Camp Azraq, Foto: Elisa Fourt

 

19 Juni 2017
Weltweites Engagement:
Helfen
Sie mit

Lesen sie weiter

13. Oktober: Internationaler Tag der Katastrophenvorsorge
© P. Lavirotte/HI
Nothilfe Vorsorge und Gesundheit

13. Oktober: Internationaler Tag der Katastrophenvorsorge

In vielen Ländern kommt es immer wieder zu Klimakatastrophen. Erdbeben, Tsunamis, Wirbelstürme oder Dürren fordern Tote und Verletzte und vernichten oftmals die Existenzgrundlage. Naturereignisse werden meist nicht rechtzeitig erkannt, Warnungen zu spät ausgesprochen. Spezielle Vorsorgeprogramme können aber dabei helfen, dass sich die Bewohner besser auf drohende Naturkatastrophen vorbereiten. Katastrophenvorsorge ist ein wichtiger Teil der humanitären Hilfe.

Tsunami in Indonesien: Viele Opfer weiter unerreichbar
CIS-Timor/ HI
Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie

Tsunami in Indonesien: Viele Opfer weiter unerreichbar

Die Auswirkungen des Erdbebens und des Tsunamis, die Indonesien getroffen haben, sind weiterhin spürbar. Das Phänomen der Bodenverflüssigung hat ganze Dörfer erfasst. Allein dadurch wurden mehr als 10.000 Menschen verletzt; 800 werden noch vermisst. Fast 2.000 Menschen haben ihr Leben verloren.

Tsunami in Indonesien: Mehr als 190.000 Menschen brauchen Hilfe
©AFP PHOTO/ADEK BERRY
Nothilfe Rehabilitation und Orthopädie

Tsunami in Indonesien: Mehr als 190.000 Menschen brauchen Hilfe

Ein schweres Erdbeben mit anschließendem Tsunami erschütterte am 28. September das Zentrum der indonesischen Inselgruppe und forderte 1.763 Menschenleben. Mehr als 5.000 Menschen sind vermisst. HI schickte ein Nothilfeteam von Experten nach Indonesien und koordiniert den Einsatz mit lokalen Organisationen.